Er flog also wie beabsichtigt einer Biene gleich durch Brabant und die Niederlande, das heißt, er war der Reisende mit den offenen Augen, dem empfänglichen Herzen, das Notizbuch in der Linken, den Stift in der Rechten. Zuweilen glaubte er wahrzunehmen, daß die Empfänglichkeit des Herzens vollkommen abgelöst sei durch die Routine des Kopfes, Eindrücke abzufangen, einzuordnen und zu verarbeiten. Zuweilen glaubte er zu erkennen, daß nicht eigener, sondern der Enthusiasmus des jungen Humboldt ihn beflügelte und ihm kurze Stunden des Rausches verschaffte. Indessen hütete er sich wohl, der Sache auf den Grund zu gehen. In London, wo man beinahe fünf Wochen verweilte, fühlte er sich auf Schritt und Tritt begleitet von dem Schatten des Verfassers eines gewissen Schriftchens, das den Titel eines Tableau d’Angleterre trug, in den letzten Jahren auf dem Kontinent ziemlich viel gelesen worden war und den Anspruch erhob, ein getreues Portrait der königlichen Insel zu sein. Es war nicht eben von Zuneigung, nicht einmal von Anerkennung, kaum von Gerechtigkeitsliebe getragen, das Schriftchen, es war geradeheraus gesagt, eine hämische Karikatur, und es war durchgesickert, sein Verfasser sei ein Herr Forster, ein Deutscher mutmaßlich, und wahrscheinlich einer von den Forsters, die mit auf der „Resolution“ in der Südsee gewesen waren. Es half einem gar nichts, daß man das böse Schriftchen laut für ein obskures Machwerk, ein elendes Pasquill erklärte. In diesem Schatten also, den der König Minos von Halle aus zu werfen verstanden hatte, war die Atmosphäre in London trotz der Junisonne frostig und kalt. Es war nicht ratsam, bei dieser Witterung den Samen zärtlich gehegter Hoffnungen und Ansprüche neu auszusäen. England schien Forster sen. und Forster jun. gegenüber ein besseres Gewissen zu haben als je, ja, es schien sich ungerechtfertigterweise in dem Bewußtsein zu wiegen, Nattern an seinem Busen genährt zu haben. So glaubte George durchzufühlen. Da er aber die ganze Zeit über kläglich an seinem hinfälligen Körper litt, so ist anzunehmen, daß er überempfindlich war und auch den Einfluß des großen Sir Joe Banks überschätzte, von dem er an Therese schrieb, daß er die Südsee gepachtet habe und keinem Buchhändler erlaube, irgendein Werk über diese Breiten in Verlag zu nehmen, das nicht seinen Namen auf dem Titelblatt trage. Jedenfalls bestand der Ertrag des Londoner Aufenthaltes in wenig mehr als in einer Abmachung mit einem großen Bücherjuden, ihm die neuesten Erscheinungen auf allen Gebieten des europäischen Buchmarktes monatlich zuzusenden, ein gewissermaßen negativer Ertrag, der vielleicht in etwas wett gemacht wurde durch die Gewinnung des jungen Mr. Thomas Brand zum Schüler und Pensionär. Dieser blonde Jüngling mit der Aussicht auf den Titel und die Würden eines Lord Dacre würde, solange seine Sehnsucht, Deutsch zu lernen, anhielt, einen lieblichen Strom blanker Guineen durch das Haus Forster leiten. Aber George war entsetzlich niedergeschlagen, als er von Dover abreiste. Er ging auf dem Verdeck des Schiffes auf und nieder, dankte dem Himmel, daß Humboldt in der Kajüte Korrespondenzen erledigte und er nicht zu sprechen brauchte, und brütete ohne Aufhören und ratlos und mit gelähmten Gedanken über dieser unfaßlichen Versteinerung des Herzens.

„Italien,“ dachte er, — „Griechenland, — Indien!“ Ja, der Süden könnte ihn vielleicht noch einmal verjüngen. Und da war doch ein kleines Glück, eine wunderlich schöne Perle, die er mitnahm aus England, das war die Bekanntschaft mit den Asiatic Researches des William Jones, in denen jene seltsamen Spekulationen „On the Gods of Greece, Italy and India“ standen, verborgene Pforten entriegelnd in den glatten Mauern, die seit Jahrtausenden die Völker voneinander schieden. Uralte Stammbaumgemeinschaft erschloß sich: wer zu den gleichen Göttern fleht, stammt von den gleichen Vätern her. Und diese Offenbarung Deutschland mitteilen zu dürfen, war das nicht ein Ergebnis seiner Reise, besser als Gold, — war nicht jenes kleine Buch in seinem Mantelsack, die indische Sacontala in der englischen Übersetzung von Jones, die er ins Deutsche übertragen wollte, ein Fenster in Weltweiten, daß er berufen war aufzustoßen und so den Deutschen einen alten Horizont zu sprengen? Ach, für Minuten von Trübsal befreit, vom Aufflammen niedergesunkener Gluten befeuert, dachte er doch gleich verächtlich und bitter: was fragt Deutschland nach mir? Deutschland lagert träge am Rand seiner Meere, es fährt nur aus, um Schellfisch und Hering zu fangen. Noch nicht zu sich selbst erwacht, ohne Kern und Kristall, will es auch nicht wachsen, sich nicht dehnen, die Erde erobern und ihr seinen Geist aufprägen. Deutschland ist froh, wenn es satt wird und Stoff zu Spekulationen hat. Ob ich ihm den Stoff bringe oder ein Chinese, das ist gleich, sie nehmen alles aus Gottes Hand. Ich bin kein Engländer, ich bin kein Franzose. Nicht Volk noch Vaterland braucht mich als Waffe, als Pfeil, als Handhabe einer Sehnsucht. Was ich tue, tue ich auf eigene Verantwortung, ein Einzelner unter Vereinzelten. Die Hand am Hut, den flatternden Mantel eng um sich zusammenraffend sah er zum Horizont. Gut, — wer keinen Dank erhält, ist niemand etwas schuldig. Schiffsboden ist mein Vaterland — und the Rakes of Mallow for ever! Ein Wandermönch der Wissenschaft, ein Zigeuner der Forschung … Er ging mit breit gestellten Beinen umher und pfiff, das Herz voll Wehmut und Trotz. Auf einmal sah er, daß Humboldt vorn am Bug stand, die Arme vor der Brust gekreuzt, den Kopf zurückgeworfen, das unbedeckte Haar dem Winde preisgegeben. Der und sein Preußen, fühlte er vergrämt. Oh, war das Neid? Und plötzlich war er ganz erweicht, er wandte sich ab, Entsagung gab ein Lächeln. Jüngling, flüsterte er vor sich hin, — oh, Jüngling, Bruder, Freund — und Erbe! —

Er nahm aus Paris den Abglanz mit, den das große Feuer der begeisterten Vorbereitungen zum Föderationsfest in sein Herz geworfen hatte, er sah von den Höhen von Chaillot aus auf dem Marsfeld ein Volk vom König herab bis zum Bettler dieses Fest singend zurüsten, auf daß es schön gefeiert werden könne, und so nahm er die Überzeugung mit, daß dies Volk würdig sei, die Sache der Menschheit zu vertreten. Er sah es nicht, oder er wollte es nicht sehen, daß dies nicht mehr war, als eine Verkleidung des alten monarchischen Schäferspiels zu demokratischer Flötenbegleitung. Er labte sich schwärmerisch an dieser ungeheuren Idylle, er überhörte den schneidenden Rhythmus des „Ça ira“ und schüttelte den Kopf über den schweren Ernst, den er auf den Zügen des vergötterten Mirabeau lagern sah. Im übrigen hatte er seine Geschäfte, Besuche und Studienvorsätze mühselig genug unter namenlosem Widerwillen abgewickelt, gehemmt von Anfällen fürchterlicher Zahnschmerzen und einer Schwermut, die er ratlos halb mit der Sehnsucht nach dem Meer, von dem er sich diesmal mit unerklärlichem Leid losgerissen hatte, teils mit dem Heimweh erklärte, mit dem unstillbaren Bedürfnis nach Therese und den Kindern, — mit zwei einander widersprechenden Gefühlen also, durch die ein Dämon seinen Busen zu spalten versuchte. Er hatte unter diesen grauen Schieferdächern gelitten wie ein lebendig Begrabener und segnete jeden Abend, der sich zwischen ihn und jene Stadt legte. In sechs Tagen gelangte man nach Straßburg. Von Speyer an waren sie nur noch zu Vieren in der Postkutsche, Humboldt, er, ein Jude, der in Geschäften reiste, und ein Unbekannter im grauen Habit, der zumeist schlief und sein Reiseziel nicht verriet.

„Er gleicht dem Herrn Selten aus ‚Sophiens Reise‘,“ sagte Humboldt halblaut zu George, „er sieht ebenso edel und geheimnisvoll aus. Den Juden hätten wir auch, fehlen nur noch ein paar artige Frauenzimmer, um die Gesellschaft komplett zu machen.“

Die Juliglut wogte glastend über dem Land, die reifen Kornfelder rauschten golden und schwer, die Obstbäume, überladen mit Frucht, ließen die Äste bis zur Erde hängen. Der Jude, mit unermüdlichen Mausaugen alles abschätzend, was irgend Handelswert haben konnte, und zwischendurch seine Reisegefährten beobachtend, begann alsbald, den Kurfürsten von Mainz über die Hutschnur zu loben, ihn einen weisen Herrn, einen gerechten Herrn, einen Herrn, der nicht verachtete die Handlung und das Geschäft, zu nennen und dabei George so listig anzublinzeln, daß dieser keinen Zweifel hatte, einen Mainzer Stadtjuden vor sich zu haben. „Gott Israels! Wie blüht sein Land! Wie mehren sich seine Güter!“ Da er nun von den Reichtümern des Domkapitels überging zum Glanz des kurfürstlichen Hofes, sich erstaunlich vertraut mit allerhand innerpolitischen Mainzer Vorgängen zeigte, zum Exempel mit der Entlassung des Geheimen Hofrats Müller, zu der es ja nicht gekommen sei, — „Gott sei’s getrommelt und gepfiffen! Taugt er sich mehr, der Herr von Müller, als alle Dalberg, Albini und Sickingen zusammen!“ — da er sodann anfing, die Universität zu loben, „die grausam grauße Gelehrtenschul“ und wieder sagte, der kurfürstliche Herr sei so tolerant, beschützte die Ketzer und Juden, so war George darauf gefaßt, sich in jedem Augenblick bei Namen genannt zu hören und im Hinblick auf den Reisenden in der Ecke, der soeben einmal erwacht war und ärgerlich den pulverigen Staub von seinem Rock abklopfte, erwartete er die Lüftung seines Inkognitos mit einer gewissen lustvollen Spannung. Denn Journale, ja Journale las die ganze deutsche Welt, — und wer war da noch nicht auf den Namen George Forsters gestoßen, — wenn er ihn denn sonst nicht kannte? Indes verließ der Jude sie plötzlich in einem größeren Dorf, wo sie kurze Rast machten, nicht ohne beim Abschied auf seinen Packen zu klopfen und George zuzuraunen: „Wenn die Frau Gemahlin einmal hat Bedarf in feine und andre Tücher, einfärbig und meliert, in der Wolle gefärbt, — frage der Herr Hofrat nur nach dem Isaak Bär aus Weisenau, — kennt ihn jedes Mainzer Kind und weiß, der Bär kauft ein mit Profit und verkauft zum eigenen Schaden.“

Der Fremde aber erwies sich bald als ein Armeelieferant aus Wien, ein Pole, der in österreichischen Diensten reiste, unzufrieden mit den Zeitläuften war und Krakau für den besten Ort der Welt erklärte. Und warum er nicht am besten Ort der Welt geblieben sei?

„Was will man machen, messieurs? Wir Polen haben kein Vaterland mehr …“

Über Wilna und Wien, — nein, der Fremde las augenscheinlich keine Journale und hatte keine Beziehungen zur Gelehrtenwelt! — kam man im Bogen zurück auf den Juden, da der junge Humboldt sein liebenswürdiges Gesicht in schwere Falten legte und ernsthaft erwog, warum diese Nation gleichzeitig solche Wunderblumen hervorbringe wie den Mendelssohn der „Morgenstunden“ und solche Knorze, wie den ausgestiegenen Reisegenossen. Der Fremde wiegte den Kopf und meinte, hier liege der gleiche Unterschied vor, wie zwischen den weisen Chassidim in Galizien und den schmutzigen polnischen Pracherjuden, begann nun ein wenig von den Chassidim zu erzählen, und am Ende kam man in eine ganz lebhafte Diskussion über die Eigenschaften des auserwählten Volkes, die den Weg angenehm verkürzte.

„Und schließlich, — was will man ihnen vorwerfen,“ sagte Alexander von Humboldt feurig, „bleiben sie nicht Menschen wie wir auch? Sind sie nicht die besten Untertanen, wo sie Wurzel schlagen dürfen? Was würde aus uns, wenn man uns das Vaterland nähme, von Ort zu Ort jagte, ausnutzte, verfolgte …?“

Der Pole lachte kurz auf. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’! Was will man machen, messieurs? Jeder Heimatlose wird zum Juden!