Liebste Grete!

Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen — Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen — was ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die „Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiro veranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die Kaffee-Ernte vorüber ist.

Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel zurecht gemacht werden.

Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40 Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen, das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes, die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinander liegenden, halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst! Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor 7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein.

Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit, denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch. Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen, was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist, einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten.

Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine Kleinigkeit bezahlt.

Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehen und in der rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit der flachen Seite gegeneinander.

Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel!

Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt, am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine, und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der Anordnung des Ganzen, der Zubereitung von doces, dem Herausgeben von Getränken etc.