Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da ich eben nur an ein Feuer denke? Mit welcher Hochachtung werde ich den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem Leben in — Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen — unter Zahnschmerzen
Deine Ulla.
Saõ Francisco, den 14. August 1881.
Herzensgretele!
Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde, daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum durch ihre Hände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte. Auch jede häusliche Dienstleistung geschieht von Negern. Da fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind — ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an, kein Unfreier mehr in Brasilien geboren werde. Was also bis dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis zum Loskauf oder zur Freilassung. Was aber jetzt an solch kleinem schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene Handfertigkeit beigebracht, denn — „man hat ja später nichts davon“. Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven.
So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich getauft!
Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt, der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte, der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß er ungezählte Bananen ver — schlang hätte ich beinahe geschrieben — also verzehrte. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand an so etwas dachte.
So gegen zwölf Uhr wurde in der großen salla de costura, vulgo Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam — die Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, den ich sonst nur als Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für meine evangelische Seele, Gretel!