„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte — gehen Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon falsch — immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem Prinzip!“
Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinem mezza voce vorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den Westenärmeln schnappenden Daumen. Seinen, wenn auch ungeforderten Rat betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch wenigstens eine Collegin fand.
Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), — „ich lade nur zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs; nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß, und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich weniger“ — schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel.
Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande — da kann man doch absolut nicht verderben!!
Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und „englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, so doch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten oder unwillkürlichen Wink von ihr ad notam genommen und denke ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam.
Petropolis selbst ist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges, aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist, wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen, auf denen Lembrança (Erinnerung) de Petropolis steht; diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist.
Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den Landessitten angestreift. Petropolis ist auch schon lange keine rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) — „Esperen (warten) Se mal en beten“ — „Ich kann ainda (noch) nicht“, und dergleichen hört man viel.
Die Lage des Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und Schlingpflanzen.
Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von
Deiner alten Ulla.