„Quem sabe!“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist lazaruskrank.“

Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug demütigen zu können schien, überkam mich. Neger — Sklave — aussätzig! Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte mich im Traum.

Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke.

Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht wiedersehen sollte, dann erst dachte ich an sein Elend und — suchte schließlich auch das zu vergessen.

Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang. Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein....

Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab — da kam ja der Aussätzige auf mich zugehinkt!

Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung kam.

„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ — ich wagte es garnicht, Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel. Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen, ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. — — Aber wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr!

Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht — wie unsäglich klein war das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre mir nicht so sorgfältig ausgewichen.

Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann, fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes glückliche Geschöpf floh!