Ob sie aber auch nicht nach vorn wegrutscht? Wieder ein Blick — nein, da ist sie ja auf derselben Stelle...

Aber sie konnte von der Seite unter dem Armgeländer wegschlüpfen... ein dritter Blick! Ach, da kann sie ja gar nicht durch....

In der Gegend, wo wir grade fuhren, wird die Landschaft sehr hübsch; einzelne Palmen auf den welligen Hügeln heben sich sehr malerisch gegen den südlichen Himmel ab und — nur eine rasche Wendung nach links: ja, sie ist da — und dort die kleine Ansiedlung, das weidende Vieh — Herrjeh, die Melone! Ach was, sie ist ja auf derselben Stelle....

Da hast Du einen Begriff, wie mich das lästige Ding quälte, das ewige Hin- und Herdrehen des Kopfes war nicht zu ertragen, lieber hielt ich sie wieder fest!

Endlich kamen wir an eine Biegung, von wo aus, wie ich wußte, der Weg eine ganze Zeitlang sanft ansteigt — hurrah, jetzt war ich wieder Herr über beide Hände. — „Hier kann sie nicht fort“, jubelte ich, und ich glaube, ich habe meine glatte und doch so ungefüge Peinigerin ordentlich triumphierend angelächelt. Aber, aber, Grete, das war die Rechnung ohne den Wirt gemacht oder hier ohne die mutwillig erstandene Frucht! Das Ding hatte wahrhaftig die perfidesten Einfälle, die man gewiß je an einer Wassermelone wahrgenommen. Nach vorn konnte sie nun allerdings nicht wegrutschen, aber nun begann sie, in Übereinstimmung mit dem leichten Trab der Maultiere, mir in regelmäßigen Intervallen von 30 Sekunden gegen die Seite zu prallen mit einer Vehemenz, die sich absolut nicht ignorieren ließ, und gegen die es einen passiven Widerstand nicht gab.

Ich war empört auf die Melone, auf mich selbst, auf den Jüngling, der sie mir verkauft und noch grinsend ihre 12 bis 15 Pfund Gewicht betont hatte; es war grade, als hätte er gewußt, wie sich das große Geschöpf benehmen würde. Ein Versuch, die Melone, ohne sie mit der Hand zu stetigen, vor mir auf dem Schooß zu balancieren, scheiterte an einer Serie urkräftiger, auf meine Magengegend gerichteter Püffe von Seiten der Melone — es war dem teuflischen Ding mit List nun einmal nicht beizukommen, sie war voller Ressourcen.

Ein besonders lebhafter Zornesausruf von meiner Seite veranlaßte Caesario zu dem Rat, den Plagegeist auf den Boden des Wägelchens zu legen und ihn mit den Füßen zu halten. Dies schien mir eine glänzende Idee! Aber es war auch nichts mit ihr. Die schwere Frucht rollte den sie einschließenden Füßen nach vorn weg, und als ich diese dann mit zorniger Energie heftiger anpreßte, glitt das unleidliche glatte Ding auf der einen Seite hinüber, und ich mußte wieder allerlei gymnastische Kunststücke vollführen, damit sie nur nicht unter die Räder kam. Einen Augenblick war mir allerdings der Gedanke durch den Kopf geblitzt, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, sie los zu sein, aber dann wieder dachte ich auch: „Nein, nun erst recht nicht!“ und stellte die Melone von neuem, jetzt aber auf ihre Spitze, zwischen meine Füße. Das ging auch ein Weilchen gut, und ich dachte schon, ich hätte nun wirklich und endgültig den Vorteil über sie errungen, als plötzlich Caesario es für gut befand, das rechte Rad des Wagens in eine tiefe Furche zu schicken, während das linke oben blieb. — Ja, da half kein Widerstreben! Zwar klammerte ich mich mit eigensinnig zusammengekniffenen Lippen an den Armstütz des Wägelchens, zwar suchte ich mit aller Kraft auch die Melone zu dem gleichen Beharrungsvermögen zu zwingen, allein, Grete, dem Ungestüm einer fünfzehnpfündigen Wassermelone, die entschlossen ist, ihren Willen zu haben, ist man nicht gewachsen: abwärts rutschten Fuß und Frucht, und hinaus zum Wagen war die tückische Melone und lag in empörender Ruhe im Wegestaub, ehe ich mich noch von dem Schrecken, beinahe mit aus dem Wagen geschleudert worden zu sein, erholt hatte. Caesario hatte bereits gehalten und überreichte mir die wiederum unversehrte Frucht mit dem gleichen verlegenen Grinsen wie das erste Mal, während ich meinem Grimm gegen dieselbe auf deutsch Luft machte. Allein, hatte ich mich so lange mit dem dummen Ding gequält, so wäre es doch thöricht gewesen, jetzt in der letzten Stunde die Geduld zu verlieren. Ich gab der Melone ihren alten Platz auf dem Wagensitz wieder und verdammte wiederum meine linke Hand dazu, ihre Fluchtversuche zu vereiteln.

Der Wagen stuckerte weiter.

Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter Wolken getreten, und einzeln, wie zögernd fielen endlich die ersten Regentropfen aus der Luft. Ich will es Dir nur gestehen, Gretele: ich war mittlerweile schon so ärgerlich und nervös geworden, daß ein zorniger kleiner Faustschlag die Melone traf, als sei sie unfehlbar auch an dieser Prüfung schuld, und der verzweifelte Ausruf: „Und dabei keinen Regenmantel!“ begleitete ihn, ohne daß beides jedoch die hartherzige Melone in ihrem aufregenden Wackeln und Rucksen irre gemacht hätte. Nur Cäsario ließ ein, dem deutschen Ausruf au hasard angepaßtes „Sim, Senhora“, hören.

Rasch wurde der Regen stärker, und mein wieder aufgespannter Entoutcas bedeutete sehr bald nur noch eine Traufe, die sich mir auf Schultern, Hut und in den Kragen hinein entleerte, je nachdem die Bewegungen des Wagens den Schirm dirigierten. Und zu alledem immer die Melone! Da lag das unförmliche Ding und triefte von Regenwasser, dem sich der aufgesammelte Staub liebreich gesellte und als Schmutz dem hellen Handschuh, der darauf herumzurutschen verdammt war, bald eine völlig undefinierbare Farbe verlieh. Ich hätte schließlich weinen können vor Zorn! Mit förmlichem Haß betrachtete ich die widerspänstige große Melone, erwägend, ob ich mich während der noch fehlenden Stunde Wegs mehr über etwaige neue Chikanen derselben oder darüber ärgern würde, wenn ich sie jetzt noch aus dem Wagen schleuderte. Ein plötzlicher heftiger Anprall des Wagens an einen Stein, der die Melone zu dem entsprechenden Angriff gegen meine Seite veranlaßte, entschied die Frage. Der unnütze Schirm wurde energisch zugeklappt, und mit beiden Händen ergriff ich die abscheuliche Frucht, um sie aus dem Wagen zu schleudern.