Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen, fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt. Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing, deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches, glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug. Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte, daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich bestehen zu lassen.
Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.
»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten Freiheit umkommen müßte.«
Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.
»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung. »Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«
Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.
»Hm – hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz wieder zur Ruhe kam.
Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit.
»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.
Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.