Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel gereicht – das Glück.
Fallendes Laub.
Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend, im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich aufzulösen.
Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht. Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte, der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis seien noch in weiter, weiter Ferne.
Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch. Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft. Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre Abreise hatten verzögern müssen.
Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig, trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf, daß alle Federn emporstehen.
Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten Fräuleins.
Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.
Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln, flattert empor – und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.
Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle Behandlung – was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.