Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die Arznei zu verabreichen.

Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.

Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.

Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck, der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.

»Was ist das? – Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine Frau keine Anordnungen getroffen haben?«

»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,« erklärte der Diener.

»Und warum nicht?«

»Ich glaube – des Kranken wegen.«

»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch alles nöthige. Kaltes Buffet – einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller – hier, nehmen Sie!«

Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später trat er in das Zimmer seines Sohnes.