»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!« sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«

Betti blickte beschämt zu Boden.

»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es war ein gar alberner Gedanke von mir.«

»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil für das, was sich schickt und ziemt.«

Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl drückender Beengung auf ihr Gemüth.

Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.

Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte – das von ihrem Vater componirte Liederheft – gefunden und wenige Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.

Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder, die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie verhindert hatte. Sie sang:

»Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,
O meine Geliebte mit Dir allein!
Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,
Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,
Das drohende Meer,
Wir wären so sicher und selig allein!
Und käme der Sturm,
Ich würde Dich halten an meiner Brust.
Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,
Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;
Und meine Liebe, die ewige, starke,
Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.
Du würdest zitternd mir blicken ins Auge
Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen
Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.
Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,
In Schlummer sinken die Wellen und Winde,
Und über den Wassern ist tiefe Stille.
Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.
So tiefe Stille: mein lauschendes Herz
Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.
Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,
Um nicht zu stören das sinnende Meer,
Nur sanft erzittern die Lippen Dir,
Die schwellenden Blätter der süßen Rose;
Ich sauge Dein Wort,
Den klingenden Duft der süßen Rose.
Im Osten hebt sich der klare Mond.
Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,
Und ich bedecke, selig wie er,
Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
Mit feurigen Küssen.«

Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel –« eine klangvolle Baritonstimme in die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie es je gehört.