Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der Schwelle stehen blieb.
Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:
»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzusuchen.«
Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und trat dem Fremden grüßend entgegen.
»Fräulein Betti? – ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.
Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und, als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte, erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.
Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur Thür hinausgehuscht.
»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd. »Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«
Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den Flügel und begann zu präludiren.
Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon entgegen.