»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.
»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.
»Ja, wer denn?«
»Er, Oswald Reichel!«
Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten. Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich hinzu: »Da er aber nun schon da ist – und weil er ein Schüler meines seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«
Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein Können und – so ihm solche beschieden seien – alle weiteren Erfolge zu danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu dürfen.
Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es, als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen, um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen, glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte, daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun nicht länger belästigen dürfe.
Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals und verließ das Haus.
»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti: »Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«
»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.