Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume; einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem milchweißen Lichte.
Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch schon hatte er sie bemerkt.
»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten sotto voce von seinen Lippen:
| »Im Osten hebt sich der klare Mond, |
| Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen. |
| Und ich bedecke, selig wie er, |
| Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel, |
| Mit feurigen Küssen!« |
Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.
Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es, als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.
Plötzlich klirrte ein Fenster.
»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf vernehmen.
Da riß sie sich los und floh ins Haus.
Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den Händen verhüllte und weinte – bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen Menschen schied.