Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort zu kleinen Hügeln zusammenfegend.
Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter, der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.
Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb. Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde – froh und kraftvoll.
Franzi's Weihnacht.
Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.
Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
Der Andere zuckt die Achseln.
»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«