»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume – aber ohne Lichter.«
Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen Weg hinan.
So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von Statten.
Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen gehen zu lassen.
Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.
»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.
*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«
Doch der Anfall ging vorüber.
»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«
Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.