Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.
Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.
Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und den Blick trübend.
Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.
Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll – o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.
Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.
Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.
»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. – Lieber Gott, ich danke Dir.«
Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.
Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich erkalten und erstarren – und er erkennt, daß sie todt ist.