Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.

Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.

Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt – wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut« geworden.

»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«

Der Weg zum Herzen.

Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten. Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt, Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig Jahre – und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung – er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen – verletzt fühlte; die Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.

»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau, wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie – mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein – kurzum, wenn sie auch alle Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will. Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine ebenso gute Hausfrau finden.«

Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der edlen Kochkunst – so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien – bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten, sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:

»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution. Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«

Ich lachte laut auf.