Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag abwesend war – und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters – fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen, unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.
Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse, namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten ihres Mannes freundliche Nachsicht übe.
Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.
Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste wiederzukommen.
Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden. Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten. Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand, und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine geheime Sorge.
So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend wiederstrahlten. Eine Menge schöner Geschenke, auf weißüberdeckten Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des Dankes fanden.
Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende Punschbowle auf den Tisch.
Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.
Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen, glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.
»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe. Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.«