»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der Ueberraschung zu laben.«

»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht –«

Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und – leise zu Margarethe – für die heilsame Lehre.

Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? – Ich weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema zurückzukommen.

Schwer geprüft.

Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte, knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen Bewohnern bieten mag.

Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel drückende Hitze wohlthuend gemildert.

Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau – den man, seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte – und seine junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich plaudernd auf der kühlen Veranda.

Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte. Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen worden.

»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne – und beinahe hätte ich gar nicht mehr daran gedacht – daß ich Dein strictes Gebot, zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«