»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte Malwine.
»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag, während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren – Du warst damals noch nahezu ein Kind – habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt – Hellwig nannte er sich!«
»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.
Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt, und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.
Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten weit übertönte.
Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd. Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort, weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille, ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«
Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.
So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein seltsames Gefühl – sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten – wie ein heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen ihren Willen sich regten.
Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.
Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen, qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!