Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen, sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.
Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen – nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen, freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte, wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.
Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter, fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als große, wichtige Abenteuer erschienen waren.
Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht, und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge vergeblich gesucht, nach Hause schlichen?
Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?
»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen, ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst geweint.«
Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer Ereignisse.
Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit, sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus zurückversetzt – als Mädchen – und Alfred, den zu lieben sie nie aufgehört, sei heimgekehrt, um – sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.
Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden, dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke, das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht, Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen. Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt, die Unterhaltung selbst weiterzuführen.
Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es näher zu betrachten.