»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.«
Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.
»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn dieselbe eine glückliche war?«
Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.
»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.«
Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des Freundes.
»Die eigentliche Ursache Deines Kommens –?«
»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen, Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist, ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?«
»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von mir zu fordern?«
»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor. »Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere, mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest, wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte. – Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. – Ich habe in diesen Jahren redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt, sondern –«