»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte.

Aber Alfred gehorchte nicht.

»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort, sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst – dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt wirst Du mein Weib werden!«

Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust.

Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder. Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der er sich gesehnt –

Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch.

Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden, offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes Glück bringen sollte.

Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.

»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.

Ja morgen, morgen!