Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen Heliotropenstrauß – ihre Lieblingsblumen – und vor demselben ein kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor fünf Jahren.
Was sollte all dies bedeuten?
Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke.
»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte.
Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit eisernen Klammern ihre Brust.
Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes. Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die, wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas – er erblindete. Und als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.
»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle mich unvergleichlich glücklicher – wenn auch blind – an Deiner Seite, als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.«
Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl, wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war. Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes selbstsüchtiges Glück zu erbauen?
Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau, die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe werde ich nicht verrathen –!«
Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.