Es fehlt mir ein Zehnerl!
Ob ich es verloren habe? Nein … Du gibst mir doch das Geld, damit ich davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich bei meinen Spaziergängen begegne, Almosen gebe … Armengeld werde ich doch nicht verlieren!
Ob ich es weggegeben habe? Gewiß. Ob einem Armen? Ich weiß es nicht … Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht … Hör nur zu, vielleicht wirst du es selbst verstehen!
Gestern ging die Sonne ebenso schön unter … Vielleicht noch schöner …
Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was andre meinesgleichen nicht sehen … Darum gehe ich am liebsten ganz allein spazieren … Gestern ging ich hinter die Stadt, du weißt, zu der Stelle am Flusse, von wo aus man sie ganz überblickt. Die Häuser türmen sich übereinander, immer höher und höher; und die Häuser, die weiter stehen, wollen über die andern hinüberschauen und auch etwas von Gottes Welt sehen; darum ragen sie, je weiter sie stehen, um so höher hinauf. Und die Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und übergießt sie mit ihrem Lichte … nimmt Abschied von ihnen … küßt sie …
Und ich sehe, wie die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, wie sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie fließen und überall eindringen, wo sie nur können. Sie erfüllen alle Zwischenräume zwischen den Häusern, alle freien Plätze zwischen den Mauern, und sie heben und jagen das letzte rötliche Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es kommt … »Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist unsre Zeit!… Gute Nacht!…«
Und es wird allmählich dunkler und dunkler und der Himmel immer tiefer und tiefer … Bald werden, einer nach dem andern, die Sterne aufleuchten … Und wie ich das alles sehe, komme ich zur Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil hinuntergeht … Und so kam ich zum Fluß, wo die alte Schul steht …
Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran.
Am Tage sieht sie schrecklich aus: armselig, baufällig, ganz schwarz vor Alter … Die Spinnen wollen aus Mitleid die eingeschlagenen Fensterscheiben überweben … Und auf dem Hügel gegenüber, am andern Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze Christenkirche und lacht …
Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus … Zum ersten Male sah ich sie gestern so … Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel umhüllte sie … Die Fenster ohne Scheiben waren gar nicht blind … Sie blickten ernst und tief in die Welt hinaus … Und die Gesimse oben lebten und rührten sich beinahe. Die gemalten Löwen wollten sich von der Mauer losreißen … Gleich werden sie zu brüllen anfangen!