Glaubst du, daß das mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! Das alles sehe ich erst jetzt, wie ich es dir erzähle; mit den gestrigen Augen sehe ich es.
Ach, Mameschi, wenn ich reich wäre!
Was ich dann täte?
Ich würde die alte Schul wieder aufrichten!
Ich will, daß auch sie hoch ist und in den Himmel hinaufragt! Und sie muß höher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes Dach soll sie haben und kristallene Fensterscheiben!
Hörst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch ohne Schul auskommen; denn Gott ist überall … Wo nur eine Träne fällt, die merkt er! Wo jemand die Augen zu ihm hebt, den sieht er! Wo nur ein bekümmertes Herz seufzt, das hört er!… Wenn man aber schon eine Schul hat, so soll sie hoch, schön, strahlend und würdig sein.
So dachte ich es mir auch gestern. Und plötzlich hörte ich ein Weinen! Ein leises und trauriges Weinen, süß und traurig und so seltsam ergreifend …
Wenn du spielst, kommen manchmal aus dem Klavier solche weinende Töne …
Und ich glaubte – Mameschi, die Wahrheit zu sagen, wollte ich es glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es möglichst lange glauben zu können – ich glaubte, daß das Weinen und Schluchzen aus der alten Schul kommt … daß dort drinnen, in dunkelblauen Nebel gehüllt, die Seele der alten Schul sitzt und weint …
Und sie beklagt sich, daß die Sonne ihr unrecht tut …, daß sie ganze Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach ausschüttet und ihr kaum einen Strahl gönnt … Sie wirft ihr am hellsten Mittag nur einen blassen Strahl wie ein Almosen zu … Und dieser Strahl gleitet über sie weg und stiehlt sich fort, wie verschämt!…