Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte: Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern, die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht. Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei schon hinter mir.

Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen, die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen, die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo. Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte, wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem Gespräch und der Arbeit geteilt saß. — Meine größte Schwierigkeit aber war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht die meinigen waren.

So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große, außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen? Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte, mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!

1870.

Wir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie, und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen Verlobung, die in der „Neckarmüllerei“ mit Champagner gefeiert wurde, bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern, mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte. Unter der festlichen Laube gab sie mir die letzte Anleitung in der Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs i. Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer, und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall, daher Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich warf noch zur Antwort und Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich, eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen.

Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine Herren, das Jahr achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe — dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte — ich sage: das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig — aber an die Tür pochte etwas völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von der Emser Depesche.

Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste, in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug. Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur durch schwere Schläge, durch eine harte Erziehung gesunden könne. Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name in allen europäischen Zeitungen zu finden. Er wurde zuerst an die Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er setzte mit einem Federstrich dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache, was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht, als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich als Eseltreiber verkleidet über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals, daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach Versailles geschleppt, aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas’, der ihn kannte, gerettet. In Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu Deutschland.

Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich, das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren alten Groll und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden.

Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum, der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige Gottseibeiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des gewittrigen Sommers keinen „Volksstaat“ in der Wohnung aufzustapeln, damit der Blitz nicht ins Haus schlage.