Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte, verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war, die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs, für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte, Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die „Wacht am Rhein“, von bierheiseren Bürgerstimmen am sicheren Wirtshaustisch gesungen, war ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur war mir die Welt Goethes, ein heilig gehaltenes, nirgends sichtbares Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. — Nur einmal, beim Friedensschluß, schlugen alle Herzen in der Familie zusammen und im Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen.

Rigi Regina.

Eines schönen Sommertages wurde mir die beglückende Eröffnung gemacht, daß ich in der Vakanz mit Edgar, der jetzt ein ganz grünes Studentlein war, den Rigi besteigen dürfe. Ich war zwar dank meinem Zusammenlernen mit Lili in der Geographie so schwach geblieben, daß ich nicht einmal genau wußte, wo dieser Berg zu suchen sei, allein durch die Worte Rigi Regina, die ich in irgendeinem Gedicht gelesen hatte, war er zu einem Berg der Wunder geworden. Ich erschrak jedoch bis ins Herz, als es sich enthüllte, daß mir noch ein anderer Begleiter zugedacht war, ein reiferer Mann, dessen Werbung um die kaum Erwachsene zwar dem Mutterstolz schmeichelte, aber bei der Tochter auf entschiedene Abwehr stieß. Er sollte uns zwei Weltunerfahrenen als Mentor dienen und dabei die Gelegenheit wahrnehmen, sich von seiner günstigsten Seite zu zeigen. Ich begriff aber gleich, daß die gemeinsame Schweizerreise nur als Vorspiel einer längeren, lebenslangen gedacht sei, und war sofort bereit, unter diesen Bedingungen zu verzichten, so hart es mich ankam, die schon sehnlich ausgebreiteten Flügel wieder zusammenzufalten. Ein Sturm brach los, der erste ganz schwere, den ich mit meiner Mutter zu bestehen hatte, und solche Stürme waren keine Kleinigkeit; aber ich blieb fest und die Arme mußte mit Schmerzen das ganze Gewebe wieder aufdröseln. Mich zur Strafe um die Reise zu bringen, vermochte sie schließlich doch nicht, also ließ sie mich nach ein paar durchweinten Tagen allein mit dem Bruder in die mit doppelt freudigem Aufatmen begrüßte Freiheit ziehen. Daß ich mir das Reisegeld durch meine Übersetzungen selbst erschrieben hatte, vermehrte das Hochgefühl. Rigi Regina!

Den Reiseplan machte Edgar, und mit der ihm eigenen Herrsch- und Eifersucht gestattete er mir kaum, einen Blick mit auf die Karte zu werfen. Doch waren wir einig, vor allem möglichst weit zu kommen, denn uns beide beherrschte derselbe Raumhunger. Nur hatten wir nicht mit unserer eigenen Kinderei gerechnet. In früheren rauheren Zeiten pflegten Eltern ihre Kinder bei denkwürdigen öffentlichen Ereignissen durch eine plötzliche Ohrfeige zu überraschen, damit der Eindruck unauslöschlich hafte. Nach demselben Gesetz der Mnemotechnik haben sich mir die Etappen dieser ersten Ausfahrt in die Welt nur durch die ausgestandenen Verdrießlichkeiten eingeprägt.

Sobald wir in der Bahn saßen, begann die Not. Ich hatte einige Zeit das Englische getrieben und war so weit, daß ich mich unbefangen in dieser Sprache ausdrücken konnte. Das fiel nun mit einemmal meinem brüderlichen Beschützer schwer auf die Seele. Er meinte, sämtliche in der Schweiz reisenden Söhne Albions warteten nur auf seine Schwester, um sich ihr in den Weg zu stellen, und da er diese Nation nicht liebte, verlangte er im voraus ein bindendes Versprechen, daß ich mit keinem Engländer ein Wort reden würde. Ich sagte, ich hätte gehört, daß Engländer auf der Reise niemals Unbekannte ansprechen, aber das genügte ihm nicht, er bestand auf einem Ehrenwort, das ich zu seinem bitteren Schmerz verweigerte. So vergällten wir uns die erste Reisestunde mit dem ersten Zank.

Einige mitreisende Herren, die das blutjunge Pärchen beobachteten, begannen nun mir überflüssige kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, die Edgar schroff ablehnte, weil er selbst seiner Ritterpflicht genügte. Das trieb die andern zu vermehrter Beflissenheit, und als er sich einmal der Fahrscheine wegen aus dem Abteil entfernen mußte, machten sich jene mit Neckereien ob des eifersüchtigen jungen Herrn an mich heran. Ich antwortete mit so viel Würde, als meine Backfischjahre erschwingen konnten, dieser junge Herr sei mein Bruder. Die aber lachten noch anzüglicher und meinten, solche Brüder kenne man schon. Nun war das Aufgebrachtsein an mir, und als wir allein weiterfuhren, machte ich dem schon zuvor Verstimmten Vorstellungen über sein Betragen. Daraus entspann sich der zweite Zank, der so bitter wurde, daß das eine rechts, das andere links zum Fenster hinausblickte, ohne die Landschaft in sich aufzunehmen, denn beiden fraß die vermeintlich erlittene Unbill am Herzen. Und so ging es immer weiter. Luzern, der Vierwaldstättersee mit Axenstein und Tellsplatte, das ganze Seepanorama auf Hin- und Rückfahrt huschte nur wie ein Schattenspiel vorüber. Dann begannen wir zu Fuße den Rigi zu erklimmen, denn die Benützung der Bergbahn erschien uns als etwas unwürdig Weichliches. Auf halber Höhe ließ ich mir jedoch von einem zurückkehrenden Treiber ein Pferd aufreden, mehr aus Reitlust, als um mir den Weg zu ersparen; Edgar, der mit seinem zarten und zähen Körperbau ein unermüdlicher Fußgänger war, ging nebenher. Bei sinkender Dunkelheit kamen wir auf dem lichterstrahlenden Kulm an, der mir wie ein Feenschloß in der Bergeinsamkeit erschien. Ich weiß nicht, für wen man uns dort ansah. Man gab uns prunkvolle Zimmer, groß wie Säle und strotzend von Samt und Gold. Natürlich gefiel es uns da recht gut, und nach dem Preise zu fragen, hielten wir für krämerhaft. Das Abendessen ließ gleichfalls nichts zu wünschen übrig, das schönste aber war doch der Vorgenuß des kommenden Tages. Rigi Regina, wie hast du uns betrogen! Um vier Uhr weckte uns freilich das Alphorn, und wir eilten, hastig in Tücher gewickelt, mit anderen bleichen Schemen nach einer Plattform, um die Majestät der Sonne zu grüßen und die Reiche der Welt zu unseren Füßen zu sehen. Aber da gab es nichts als ein graues wallendes Nebelmeer. Die Erde schien noch gar nicht aus dem Chaos geboren und schaudernd schlichen wir in unsere Betten zurück.

Da es nach dem Frühstück noch nicht besser war, verlor Edgar die Geduld, und es hieß aufbrechen. Ich packte meine Sächelchen zusammen, um sie in seine Reisetasche zu legen, da fand ich ihn eben im Begriff ein prächtiges blaues Samtkissen mit reicher Goldstickerei zum Fenster hinauszuwerfen, das auf einen grasigen Abhang ging. Nach dem Grunde dieser Tätigkeit befragt, reichte er mir nur stumm die Rechnung. Diese übertraf alle meine Befürchtungen: die eine Nacht hatte fast den ganzen Rest des Reisegelds verschlungen.

Nur noch den silbernen Leuchter, sagte er, dann sind wir quitt. — Ich sah ihn stürzen, sinken, damit war das Gleichgewicht hergestellt, und wir schritten stolz hinaus.