Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem Leben in der französischen Provinz bekam.

Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau, deren ganzes Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um acht Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten Händen den pot au feu auf den Herd. Wenn er bis abends sechs Uhr, wo man zu Tische ging, so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein mindestens gleich großes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch kamen, und das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige, was es in Vierzon gab.

Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog, Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter. Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche „Communards“ waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten. Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier, dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann die Besucherinnen fort, so gab sie mir die Briefe in die Hand, und es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ.

Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten Obst- und Blumenspalieren wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine, von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillen, umbuschten Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit ihrem breitem Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen.

Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich fallen mußte — denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt ihrer Landsleute —, konnte ich damals kaum übersehen. Von einem gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne, weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut seien. Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe gewechselt, und diese Verwirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen erstochen und wurde — ungerechterweise, wie alle sagten — zu dreißig Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein anderes Verhalten überhaupt nicht möglich sei. Freilich bedachte ich im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur. Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant entstammte.

Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines gleichfalls nach London geflüchteten „Communards“. (Nebenbei gesagt war Communard ein halbes Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, — es war nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin; diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang:

On dit que l’on te marie,

Tu sais que j’en vais mourir —

Diese Engländerin nun war mir zur Aufsicht beigegeben, und es entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen. Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants Sinne, denn auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen aufforderte. Sie erweckte, soviel ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen, nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz anzustecken. Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte, auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten, zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank, blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann später in der schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin, über die angewandte Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was für Genüsse mich dort erwartet hätten.

Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und mit solcher Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich. Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden. Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten gebucht werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und erbat mir seine Karte zum Andenken.