Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar ist, immer noch erträglichere. — Es ist schwer, besonders für die Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu verallgemeinern. Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennengelernt hatte, verließ ich Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar, Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr.
Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt. Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen, die natürlich mit der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits erhalten.
In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervè sich ausdrückte, in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre 1907 kam er noch einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte: er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung. Er ging aber noch viel weiter, denn er predigte den Völkerhaß. Die Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief, den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben. Man sah ihn in den Wandelgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris herzgebrochen nach kurzer Krankheit.
Bedrängnisse.
Unter den jungen Leuten, die bei uns aus und ein gingen, hatte meine Mutter einen, den ich mit seinem Vornamen Hartmuth nennen will, mit ganz ungewöhnlicher Wärme ins Herz geschlossen, weil seine gediegenen Charaktereigenschaften und eine tiefe und dauernde Neigung für mich ihr mein Lebensglück zu verbürgen schienen. Und sie gestattete ihm, sich als zukünftigen Schwiegersohn zu betrachten, ohne sich meiner Zustimmung versichert zu haben. Das jubelnde Mutterherz fiel aus allen Himmeln, als sie sah, daß wieder einmal unsere Empfindungen meilenweit auseinandergingen. Und nun geschah das Merkwürdige und fast Unglaubliche, daß die feurige Kämpferin für alle persönliche Freiheit und Selbstbestimmung in die ihrer so heißgeliebten Tochter eingreifen und gewaltsam über ihr Geschick bestimmen wollte. Das Wohlgefallen, das dieser junge Mann ihr einflößte, brachte sie nämlich zu der seltsamen Annahme, daß ich eigentlich seine Neigung erwiderte und es nur nicht Wort haben wollte aus irgendeinem kindischen Eigensinn. Niemals war sie zu überzeugen, daß sie sich täuschte. Ich konnte keine Gründe für mein inneres Widerstreben anführen, und daß die Regungen des Herzens keine Gründe brauchen, wollte die leidenschaftliche Frau nicht einsehen. Daraus war ein peinvolles Ringen zwischen Mutter und Tochter hervorgegangen, das über fünf Jahre unter dem größten Herzeleid für beide Teile fortdauern sollte. Ich verargte es dem Manne, daß er diese Not mit ansah und sich doch auf die Mutter stützte, statt freiwillig zurückzutreten. Seine Entschuldigung war: er glaubte gleichfalls, ich liebte ihn und wüßte es nicht! So fest hatte meine Mutter, deren Suggestionskraft unwiderstehlich war, sich und ihm diese Absonderlichkeit eingeredet. Und ich hatte Augenblicke, wo ich in ihrem Banne nahe daran war, es selbst zu glauben. In seiner Abwesenheit, brieflich, war ich ihm auch durchaus gewogen, nur seine persönliche Gegenwart stellte mich jedesmal vor die Unmöglichkeit einer Annäherung. In einer schwachen Stunde hatte sie mir aber das Versprechen entrungen, wenigstens kein endgültiges Nein zu sagen, sondern die Entscheidung in Anbetracht meiner allzugroßen Jugend der Zukunft zu überlassen. Das war ja für den Augenblick das bequemere, da es mich vorübergehend der Bedrängnis enthob. Und auch er war es zufrieden, denn jeder Teil hoffte, der andere würde durch die Zeit zur Einsicht kommen. Aber die Unklarheit rächte sich schwer an beiden: für mich verlängerte sie den Kampf und verdarb mir die schönsten Jahre, für ihn hatte sie die Folge, daß er ein schönes, ihm von anderer Seite entgegengebrachtes Gefühl übersah und so sein wahres Lebensglück verfehlte. Daß er später gleichwohl ohne Bitterkeit mir zugetan blieb, war das beste Zeugnis, das er seinem inneren Wert ausstellen konnte.
Da Mama glaubte, daß der viele Verkehr mit männlicher Jugend mich seelisch zersplittere und mich verhindere, eine Wahl zu treffen, erlaubte sie mir keine Ballbesuche mehr und hielt jetzt solche jungen Leute, die ihrem Schützling gefährlich werden konnten, vom Hause fern. Hartmuth wollte und wollte nicht begreifen. Er tauchte auf, wo ich ihn nicht erwarten konnte, und wenn ich mich auf eine Festlichkeit freute, so fand ich ihn schon mir zum Ritter bestellt, daß das Vergnügen zum Zwang wurde. Beim Vater hätte ich ja sogleich Schutz gefunden, aber ihn durfte ich um seiner Ruhe willen nichts von diesen Kämpfen ahnen lassen. Es wurden beständig kleine Verschwörungen gegen mich angezettelt, an denen sich auch Dritte beteiligten. Um mich zu bekehren, schrieb mir der schweigsame Ludwig Pfau einmal einen Brief von sechzehn Seiten, voll der aufreizendsten Derbheiten, die natürlich ihren Zweck erst recht verfehlten. Der revolutionäre Denker Pfau hielt es auf diesem Punkte mit dem rückständigen Männerschlag, für den das Weib nur als Geschlechtswesen vorhanden war und der ihr ein seelisches und geistiges Eigenleben aus tiefster Überzeugung absprach. Ich meine ihn noch zu hören, wie er mir einmal mit kopfschüttelnder Mißbilligung in seinem breiten Dialekt sagte: Weiber, Weiber — ihr send net für de Geischt g’schaffe. Bei diesem Standpunkt erschien ihm das Zurückweichen vor einer so treuen Neigung als Versündigung am ganzen männlichen Geschlecht, die er nicht ungerügt lassen zu dürfen glaubte. Solche rauheren Angriffe fanden mich stets gerüstet, aber der Schmerz meiner vulkanischen Mutter, die Sorge beider Eltern um meine Zukunft, die ich nicht erleichtern konnte, zerrissen mir das Herz. Und so oft Mutter, Onkels, Tanten, Freunde und Freundinnen mich fragten: Warum kannst du denn nicht? Hatte ich keine andere Antwort als: Ich kann nicht. Wie hätte ich mich anderen verständlich machen sollen, da ich mich selber nicht verstand. Hartmuth galt für einen stattlichen Mann, und ich wußte manche, die stolz und glücklich an seiner Seite geschritten wäre. Mir aber ging seine ganze Art und Weise wider den Strich. Es waren nur Äußerlichkeiten, scheinbar ganz unwesentliche Dinge, die so allverhindernd auf mich wirkten; daß sie der treffende körperliche Ausdruck für eine der meinen gänzlich fremde Geistesrichtung waren, empfand ich nur dunkel, ohne es in Worte fassen zu können. Es war dies die einzige Form, wie mein guter Genius mich vor einem verhängnisvollen Irrtum zu warnen vermochte, denn ich lebte noch viel zu unbewußt, um mir selber klar zu sagen, daß die Welt Hartmuths nimmermehr die meine sein konnte, und daß meine Entwicklung andere, weitere Kreise zu durchlaufen hatte. Auch sein vieles Hofmeistern und daß er mir all die Besonderheiten, die er an mir zu lieben glaubte, so schnell wie möglich abgewöhnen wollte, um mich recht bürgerlich hausbacken zu haben, gab meinem Bewußtsein nicht die sichere Waffe, die ich gebraucht hätte. Und die Zusammenstöße mit der Mutter fürchtete ich mehr als alles auf der Welt. Ich war also immer mehr auf der Flucht vor ihm, als daß ich mich zu einer Entscheidung gestellt hätte, bei der alle gegen mich waren. Diese seelische Unreife verursachte die Verschleppung, die ihm und mir so nachteilig wurde.
Einmal befand ich mich in Stuttgart als Gast bei nahen Verwandten und besuchte dort meine Freundin Anna Dulk, die sich in einer der meinigen gerade entgegengesetzten Lage befand, da sie soeben ihre Verlobung gegen den väterlichen Willen durchgesetzt hatte. Kaum war ich in ihrer Wohnung in der Olgastraße angekommen, so fuhr ein Wagen vor, und gleich darauf erscholl Hartmuths Stimme im Flur. Ich hatte gerade noch Zeit, mit einem Sprung in den Garderoberaum zu verschwinden, da stand er schon im Zimmer und teilte der verdutzten Anna mit, daß er nach abgelegtem letztem Examen einen festlichen Tag in der Residenz feiern wolle und daß er zu diesem Zweck einen Wagen gemietet habe, um mich mit Zustimmung meiner Mutter zu einer längeren Spazierfahrt abzuholen. Da er aber voraussehe, daß ich mich weigern würde, mit ihm allein zu fahren, bitte er um ihre Begleitung und Beihilfe zu seinem Plan. Er habe auch unterwegs meinen gleichfalls in Stuttgart befindlichen Bruder Alfred aufgetrieben und in den Wagen gesetzt, damit mir gar kein Vorwand bleibe, mich der Gesellschaft zu entziehen. — Was beginnen? Schlankweg heraustreten, ihm vor dieser Zeugin erklären, daß ich nicht den Schein einer Fessel tragen wollte, die ich in Wirklichkeit mir nicht anzulegen gesonnen war, dazu fehlte mir die nötige Schroffheit. Ich stand hinter der halboffenen Tür, von dem Besucher ungesehen, und hatte die erschrockene Anna im Gesicht, so daß ich sie durch Zeichen bedeuten konnte, den Ankömmling so lange wie möglich hier festzuhalten. Dann schlüpfte ich hinaus und im Flug die Treppe hinunter, an dem vorgefahrenen Wagen vorbei, aus dem Alfred mich laut begrüßen wollte. Ich legte den Finger auf den Mund und glitt wie ein Schatten die Straße hinab. Mich zu verstecken, wagte ich nicht, denn ich kannte Hartmuths Beharrlichkeit, der imstande war, sich vor der Haustür meiner Verwandten aufzupflanzen und meine Rückkehr abzuwarten, sollte es auch Stunden dauern. Ich fand also keinen besseren Rat als heimzustürzen — den weiten Weg nach der Silberburgstraße zu Fuß, denn Fahrgelegenheiten gab es damals keine — und schleunigst zu erkranken. Annas Einverständnis ließ mich den nötigen Vorsprung erhoffen. Ich kam auch richtig früher als der Zweispänner an, stürmte atemlos durch das Familienzimmer nach dem Schlafgemach, warf die Kleider ab und verkroch mich ins Bett. Bestürzt folgte mir die gute Tante, um zu hören, was vorgehe, aber sie erfuhr nichts, als daß ich von einem plötzlichen Unwohlsein mit Schlafsucht befallen sei und bäte, mich ein paar Stunden ungestört schlummern zu lassen und unter keinen Umständen zu wecken. Ich entschlief auch schon im Sprechen, und es war höchste Zeit, denn eben klingelte es, und Anna erschien, um mich zu der Spazierfahrt abzuholen. Mit dem Bescheid von meiner rätselhaften Erkrankung zog sie ab, kehrte aber gleich darauf mit den beiden anderen Insassen des Wagens zurück. Daß Alfred mir brüderliche Treue hielt und schwieg, wurde ihm von mir hoch angerechnet. Der andere aber verlangte in seiner doppelten Eigenschaft als Begünstigter der Mutter und als angehender Arzt die Patientin zu sehen. Unter dem Druck der Tante erschien diese im Familienzimmer, blaß und leidend und bereit, gleich wieder einzuschlafen. Es war an meiner Unpäßlichkeit nicht zu zweifeln, denn von dem anhaltenden Rasen ging der Puls in Sprüngen. Wäre aber Hartmuth ein besserer Seelenkenner gewesen, so hätte er aus Annas verwirrter Miene die Wahrheit ablesen müssen. Nach allerlei Vermutungen zogen die drei sich endlich zurück und setzten ihre Lustfahrt ohne mich fort. Sobald das Rollen des Wagens verhallt war, sprang ich genesen auf und gestand den ganzen Hergang. Der gute Onkel, der eine heitere poetische Ader hatte, verfaßte ein launiges Gedicht über die mißglückte Entführung und sandte es Mama als Pflaster auf die Wunde.