Die Natur
Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht erfüllte den ganzen Raum.
Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken.
Ich begriff sofort, daß dieses Weib – die Natur selbst war, – und wie plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.
Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen könne?«
Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre Lippen bewegten sich – und machtvoll erklang eine Stimme wie das Dröhnen des Eisens:
»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«
»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht wir – wir Menschen, deine Lieblingskinder?«
Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,« sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied – und ohne Unterschied vernichte ich sie alle.«
»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.