Doch sie —

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,

Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,

Sie und die Hunde, die wetteifernden,

Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,

In seine linke sie; als ich erschien,

Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]

Ein deutscher Roman, in dem der Marquis de Sade sehr häufig erwähnt wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das berüchtigte Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald Chesterfield (Altona 1862 kl. 8o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest, Jac. Casanova). Es soll dies eine Autobiographie der berühmten Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient (1804–1860) sein. Der Roman schildert in Briefen an einen Arzt die Fortschritte, welche die Sängerin in der Ars amandi macht. Die „Justine“ des Marquis de Sade hat besonders den zweiten Band des Werkes beeinflusst, aus dem wir daher das in dieser Richtung Wichtigste mitteilen. In Budapest lernt die Schröder-Devrient eine gewisse Anna kennen, eine Demimondaine und genaue Kennerin der seit langer Zeit berüchtigten Corruption in der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach ihrer Ansicht über die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe, von der sie aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr darauf den Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies bereitet der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen, bei der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so ausschliesslich reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten und die Männer noch viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in Dienst und präpariert sie im Kaiserbade für den amor lesbicus. Der Gedanke an die künstliche Defloration von Rosa bereitet ihr schon im voraus eine unendliche Wonne, und am selben Abend vollzieht sie diesen Akt in Gesellschaft ihrer Freundinnen Anna und Nina mit einem „doppelten“ künstlichen Phallus, während Anna nach der Operation „das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr besuchen sie die berühmtesten Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus der Resi Luft feiern sie mit Damen und Herren der vornehmen Budapester Gesellschaft eine grosse Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber sonst nackt erscheinen, und deren Einzelheiten zum grossen Teil der „Justine“ des Marquis de Sade entnommen werden. Die Schröder-Devrient lernt hier einen gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue defloriert, und die Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer Räuberbande im Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“ spielt. Die Schröder-Devrient kommt darauf in Begleitung von Rosa nach Florenz, wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn, kennen lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und sie in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine Kirche führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen, Knaben und verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper der beiden Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild der „Juliette“ deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese Memoiren zum Teil auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen aus Paris und London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders die Laufbahn einer gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und zahlreicher sadistischer Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie mit dem Sänger Sarolta nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt. Sie besucht eine Frau Meredyth, eine reiche Lebedame, die sie mit allen öffentlichen und geheimen Freuden Londons bekannt macht, sie nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly Saloon, ins Holborn Casino, in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie als Prostituierte in den Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin die verlockendsten Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer geliebten Rosa treu. Hier endet die Erzählung. — Der Einfluss Sade’s ist unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei Sade kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs. Meredyth eine Gesellschaft von Frauen drei Tage lang nackt auf! Und das im englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten Bande (S. 177) spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn von H...“, von dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a. als von „wahrem Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes Buch auszunehmen scheint.

In Sacher-Masoch’s „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber neben Narda stellt Sacher-Masoch eine Afrikanerin, die dieselbe noch an Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz geschnitzt, berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen Leibes, in dem grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen Funkeln ihrer wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen Menschen getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! — Lass mich sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll. Mein Herz verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]

Eulenburg zitiert den modernen Dichter Detlev von Liliencron, der „die im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische Entladung“ in folgenden Versen schildert: