Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,

Feuer und Flammen entlodern der Haft,

Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,

Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]

Auch in Kretzers Roman „Drei Weiber“, in Karl Bleibtreu’s Novellen „Schlechte Gesellschaft“, in M. G. Conrad’s „Die klugen Jungfrauen“ werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman die „Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande, Ehebruch studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche Erziehung, überreizte Nerven zurückgeführt und — verteidigt.“[682]

Dass einzelne Doctrinen des Marquis de Sade sich bei neueren deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B. bei Stirner und Nietzsche, ist ja bekannt.

Von Nietzsche, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur die folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: Wink. — Aus alten florentinischen Novellen, überdiesaus dem Leben. buona femmina e mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: Ueber allen Gesetzen — Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.[684] Auf Nietzsche’s allmählich schon zum Ueberdruss werdende „Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher einzugehen, halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten der übrigen „Bildungsphilister“.

Ein noch grösserer Sophist als der Marquis de Sade und Nietzsche ist Max Stirner, der leider die dialektische Methode für seine geistigen Salti morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das Ich auf eine geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets gross, um seine Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken. „Ob, was Ich denke und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es menschlich, liberal, human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was frag’ Ich danach? Wenn es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich darin befriedige, dann belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt Mir gleich.“ — „Es giebt keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus! — Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein Mensch, der ein Sünder wäre!“ — „Eigner bin Ich Meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiss. Im Einzigen kehrt selbst der Eigene in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl Meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:

Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“[685]

Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein „Sparren“, mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens, die Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und selbst die Blutschande ist nichts anderes. „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für Stirner ebenfalls ein Nichts. „Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich mir’s selbst nicht verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor dem Morde als vor einem ‚Unrecht‘ fürchte.“