Schon H. Ströbel hat hervorgehoben, dass Stirner’s Theorie des Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen Holbach, La Mettrie und Helvetius erinnere.[686] Wir können uns dem Gedanken nicht verschliessen, dass Stirner auch die Schriften des Marquis de Sade gekannt hat. Denn weder Holbach noch La Mettrie und Helvetius verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt sadische Gedanken.
6. Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen.
Dass die Schriften des Marquis de Sade viele Proselyten gemacht haben, erscheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der merkwürdigen Arten von sexuellen Vergehen, die auch heute noch beobachtet werden und manchmal geradezu eine Szene aus der „Justine“ und „Juliette“ zum Vorbilde zu haben scheinen. Nach Eulenburg fehlt es bis in die Gegenwart hinein durchaus nicht „an modernen Nachahmungen, natürlich nur im Kleinen und in schwächlicher Form, wie die in regelmässiger Wiederkehr nicht allzu selten die Polizei und die Gerichte beschäftigenden, öfters mit wahrhaft bestialischen Akten der Verstümmelung, mit Anthropophagie, Nekromanie u. s. w. verbundenen Lustmorde an Kindern und Frauen beweisen. Unsere Zeit, bekanntlich die Zeit der Spezialitäten, weiss sich auch auf diesem Gebiete eigenartige Spezialisten zu züchten. Der Eine verschafft sich durch Erwürgen von Mädchen und Frauen eines wollüstigen Reiz; der Andere schlitzt der Geschändeten den Leib auf, um gewisse Eingeweide herauszureissen; noch Andere trinken das Blut ihrer Opfer oder verzehren kannibalisch Stücke der ausgeschnittenen Eingeweide (Brüste und Genitalien). Die nicht ganz so Gefährlichen begnügen sich damit, ihren Opfern — ausschliesslich jungen Mädchen — Schnitt- und Stichwunden an verschiedenen Körperteilen, mit Vorliebe am Unterleib, beizubringen, um sich durch den Anblick des herabfliessenden Blutes geschlechtlich zu erregen (die vielzitierten Geschichten des ‚Mädchenschneiders‘ von Augsburg und des ‚Mädchenstechers‘ von Bozen).“[687]
In einem grossen Werke über den berüchtigten Lustmörder Vacher, der 1898 in Lyon hingerichtet wurde, hat Lacassagne alle „sadistischen Verbrechen“ des 19. Jahrhunderts zusammengestellt. Hier finden sich ausführliche Nachrichten über den berüchtigten Londoner Lustmörder „Jack the Ripper“, den Paul Lindau in Amerika bereits in einem Sensationsdrama verewigt sah (Eulenburg a. a. O. S. 109), über Ben Ali in New-York, Piper und Pomeroy in Boston, über die Affäre von Pont-Laval u. a. m.[688]
Eine weitere Aufzählung derartiger Attentate geben Brierre de Boismont[689], ferner A. Moll[690], v. Krafft-Ebing[691], auf die wir den Leser verweisen.
Wir heben nur einige ganz direkt an Szenen aus Sade’s Romanen erinnernde Fälle hervor.
a) Fall von Hypochorematophilie.
Ein im höchsten Grade decrepider russischer Fürst liess sich von seiner Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen musste, auf die Brust defäcieren und regte nur auf diese Weise die Reste seiner Libido an. — Nach v. Krafft-Ebing a. a. O. S. 67 (Vergl. die ähnliche Szene bei Juliette Bd. III, S. 54.)[692]
b) Statuenschändung.
Das Journal L’évènement vom 4. März 1877 teilt die Geschichte eines Gärtners mit, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebte und über Coitusversuchen an dieser Bildsäule betroffen wurde. — Nach von Krafft-Ebing a. a. O. S. 79 (Vergl. dazu Juliette I, 334).