Tous cinq ronges de vérole et de chancre,
Pour réformer des Moines trop gaillards.
Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?
Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! Wie sie aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse und das zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen Exemplaren hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion anglais“ sah. Auf derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der Erzbischof von Rheims (De la Roche-Aymon) befindet sich vor einer katholischen Kirche neben einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet und einen Hut unter ihrem Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand überreicht sie dem Erzbischof von Arles (de Jumilhac) den Orden vom heiligen Geiste, zieht ihn (den Erzbischof) an sich, streichelt ihn und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht die grösste Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Narbonne (Dillon) auf sich. Der Erzbischof von Toulouse (de Brienne) ist in seinem Amtszimmer und hat zwei Bände der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen mit dem Artikel „Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich überreicht der Erzbischof von Bourges (Phelyppeaux) einer jungen Dame einen Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines Freudenmädchens trägt.
6. Die Jesuiten.
In seinen „persischen Briefen“ lässt Montesquieu den Rica auch eine Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher erklärt. Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen, welche „die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; welche in ihrer Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der Liebe hervorbringen kann, sie nebeneinander stellen, mit einander vergleichen und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich noch, wenn sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der Spiessgesell so vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so nackt hingemalt werden!“[83]
Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18. Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden, die Wollust durch die Religion zu legitimieren, und die eigenen unsittlichen Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu kleiden. Der Jesuit hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen aufzusuchen. In seiner Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde es ihm leicht gemacht, seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu befriedigen, die als „göttliche Eingebungen“ gegen polizeiliche Recherchen zur Genüge geschützt waren.
Schon im 17. Jahrhundert musste Cornelius Jansen gegen die jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der Jesuit Benzi lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas monialium tangere, esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85]. In Konsequenz dieser Vorschriften schändete de la Chaise, der Beichtvater Ludwigs XIV. die Hofdamen und führte dem Könige von England Maitressen zu[86]. Junge Damen in Holland liessen sich von Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso die Hofdamen zu Lissabon unter Nunez.[87] Der Jesuit Herreau lehrte 1642, dass es erlaubt sei, sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies seinen Schülern und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16. Jahrhundert die Damen in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im Jahre 1789 wieder nachgeahmt wurde.[89]
Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der Apologie des Mordes durch Sade in nichts nachgibt, sei auf die Abhandlung ihres Urhebers J. de Mariana[90], sowie auf die berühmten, die ganze Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres provinciales“ von Blaise Pascal verwiesen (Cologne 1657). Auch im 18. Jahrhundert erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern unzüchtige Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So schrieb der letzte Ordensgeneral vor der Aufhebung, Lorenzo Ricci, in einem im Brüsseler Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten sich gegenüber den jungen und — reichen Witwen zu benehmen haben. Sie sollen sich alle mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten Heirat abzuhalten, indem sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben, die Gefahr für ihre Seele u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber trotz alledem die jungen Witwen grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe haben, wenn sie sich in dem Falle befinden: melius est nubere quam uri, dann darf ein kluger und diskreter Pater ihnen seine Dienste gegen die Verlockungen des Fleisches anbieten.[91]
Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten Jean Baptiste Girard und seinem Beichtkind Cathérine Cadière zu Toulon, die im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure Literatur gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild gedient.[93] Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces concernant le Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“ (1731) niedergelegt. Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten Situationen verbildlicht haben; seine Zusammenstellung wird dem Marquis d’Argens, dem Grafen Caylus, sowie Mirabeau zugeschrieben. Auch hat man behauptet, dass der Marquis de Sade zu seiner „Justine“ durch obiges Werk angeregt worden sei.[94]