10. Die Litteratur.

Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst nicht unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer Weise zu einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem ancien régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt in der französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche Fabliaux beweisen, allein erst im 18. Jahrhundert begann man an die Stelle der gesunden, derben Natur und Naivität dieser älteren Produkte der Zotologie Gemälde der Sinnlichkeit zu setzen, deren raffinierte Absichtlichkeit einer erschlafften Gesellschaft zu giftigem Reizmittel diente.“[138] Das 18. Jahrhundert hat den grössten Teil der heute existierenden pornographisches Litteratur hervorgebracht, an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher mehr als alle anderen vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen. Den Löwenanteil an dieser Produktion pornographischer Werke beansprucht die Zeit von 1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle Aubertin als die Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“ bezeichnete, in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur durch eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese Bücher machen den Kultus des Fleisches zu ihrem Hauptthema. Sie kennen nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten Varietäten des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die Dirne ehrbarer als die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich mit obscönen Büchern so beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“ ruft Jules Janin aus[140], „dass sogar Männer wie Voltaire, Rousseau, Diderot, Montesquieu und Mirabeau dem Geschmacke der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz vor und während der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren geistigen Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren pornographische Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet Mercier[141]: „Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und Kupferstiche gleicherweise die Scham und den guten Geschmack verhöhnen. Ueberall verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf Tischkörben, an den Seiten der Brücken, in den Türen der Theater, auf den Boulevards. Das Gift ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten Erzeugnisse der Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und ohne Scheu den öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind gewissermassen privilegierte Zotenhändler; denn jeder Titel, der nicht ein unflätiger ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen. Die Jugend saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte Palais-Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird. Dieses Zentrum aller Lustgenüsse war auch der Hauptmarkt für die obscönen Schriften, welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut von Lustreizen überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der Pariser Damen wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch Bérard eine interessante Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf die ungeheure Verbreitung der Werke des Marquis de Sade wirft: „Ich erinnere mich, dass eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich gebeten hatte, ihr für sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen aufs Land zu besorgen, auf dieser Liste vermerkt hatte: ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘, in welchem Buche sie wahrscheinlich ein pädagogisches Werk vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige Schriften in überreicher Fülle vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und wird auch wohl heute noch der Fall sein. Parent-Duchatelet erfuhr von Peuchet, einem ehemaligen Archivar der Polizeipräfektur, dass Napoleon I. zu Ende seines Konsulats alle derartigen im Besitze von Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen und zu vernichten befahl. Nur ein Exemplar von jedem wurde in der Nationalbibliothek aufbewahrt. Diese Angabe Peuchets ist nach Parent-Duchatelet begründet, dem von dem Bibliothekar Van-Praët das Verzeichnis der Bücher vorgelegt wurde, sowie diese selbst in einem Winkel des Erdgeschosses der Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]

Von obscönen Büchern ist denn auch bei Sade recht häufig die Rede. Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette (S. 96 ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches Claude durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“ eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt darüber: „Man macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne Bilder und Bücher wir dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier des Chartreux“, ein mehr „scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen Abfassung der Verfasser trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben soll.“ — Zweitens die „Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes, der Ausführung nach schlechtes Buch. — Drittens die „Education de Laure“, ein elendes Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust, Mordtaten und „goûts cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“, „das bezaubernde Buch des Marquis d’Argens“ mit den Bildern von Caylus, das einzige von diesen vier Büchern, welches Wollust mit Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden Juliette und Clairwil bei dem Mönche noch zahllose „elende kleine Broschüren, die in den Cafés und Bordellen ausliegen“, zu denen auch die Werke des „nichtigen Mirabeau“ gehören.

Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit diese sie während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang, einer „solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette I, 32). Sade hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner Lektüre hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des Erzbischofs von Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV, 263.)

Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen bibliographischen Werke von Gay[145] und Cohen[146] vermitteln eine weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der wir nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.

In Pierre Joseph Bernard (1708–1775), von Voltaire „Gentil-Bernard“ genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien die „L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung der ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf dem Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind mit einem Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind nur ein Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und die Deutlichkeit der Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen lassen. Bernard erteilte in seinem Gedicht einen ganzen Kursus der raffiniertesten Geschlechtsliebe, in dem er auch das Lesen schlüpfriger Schriftsteller empfahl.[149]

Der jüngere Crébillon (Claude Prosper Jolyot de Crébillon 1707–1777) kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven Schriftstellerei im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften sind charakterisiert durch einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in der Wollust“.[150] Am berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon den Inhalt verkündigt.[151] Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris 1735), „Les amours de Zeo Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746), in denen die Liebesabenteuer des fünfzehnten Ludwig geschildert werden. Ferner „La nuit et le moment“ (Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris 1751), „Les égarements du cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w. In Crébillons Romanen macht sich bereits die Neigung bemerkbar, die gemeinste Sinnlichkeit durch Umkleidung mit einem philosophischen Gewande zu verschönern und zu rechtfertigen.

Jean François Marmontel (1723–1799) hat in seinen „Incas“ den Typus des antiklerikalen Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen Inhalt auf spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen unverkennbar eingewirkt hat.[152]

Die bei Sade von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt im Anschlusse an den Fall Girard (Dirrag) und Cadière (Eradicée) die sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen, schreibt Sade diesen Roman dem Marquis d’Argens und die Bilder dem Grafen Caylus zu, welche Ansicht auch von Gay geteilt wird. Wahrscheinlicher ist aber die vom Abbé Sephe und von Barbier zuerst entdeckte Urheberschaft des Kriegskommissars de Montigni (genannt Lucas-Montigni). Statt Caylus soll Antoine Pesne, der bekannte Hofmaler Friedrichs des Grossen, die obscönen Bilder gezeichnet haben.[154]

André Robert Andréa de Nerciat (1739–1800) war zwei Jahre lang (1780–1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788 an) Vertrauter der Königin Karoline von Neapel. Er schrieb die berüchtigte „Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und als Fortsetzung derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“ (Paris an V). Seine obscönste Schrift ist der „Diable au Corps“ (Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche Schrift eines Doktor „Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der „joyeuse faculté phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der Verfasser im Vorwort versichert.[155]