Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton gehörte, beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die hervorragendsten Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen billigen Ruhm zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten Altertumsforscher Caylus hingewiesen. Aber auch Geisteshelden wie Mirabeau und Diderot haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden. Besonders Mirabeau wird vom Marquis de Sade öfter genannt, und es ist kein Zweifel, dass Mirabeaus „Education de Laure“ das Vorbild der „Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon Eulenburg erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat Mirabeau die Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich für seine Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w. bezahlen lässt. Ein drittes obscönes Buch Mirabeaus ist „Erotica Biblion“ (Rom 1783).
In Denis Diderots „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen schlüpfrige Geschichten vor, die Diderot „tief unter Crébillon herabsetzen“.[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt Diderot eine Schilderung des Klosterlebens, in der tribadische und andere lasterhafte Ausschweifungen der Nonnen und Oberinnen beschrieben werden. Auch die „Bijoux indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen Inhalt. Insbesondere hat vielleicht die auch bei Sade wiederkehrende Vorliebe Diderots für paradoxe Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf Ersteren einen Einfluss ausgeübt.
Choderlos de Laclos war nach Nodier der „Petron einer weniger litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen Petronius war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159] schildern die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als Freund des berüchtigten Philippe Egalité aus eigenster Anschauung kennen gelernt hatte. Charles Nodier erzählt in einer interessanten Notiz „über einige satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man ihm in seiner Jugend in verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere „unreine und lasterhafte Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt habe.“ Nach ihm verdienen die „Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal (der Verachtung) wie die „scheusslichen Obscönitäten eines frechen Nachahmers des Herrn Laclos, des Marquis de Sade, welchem der Preis eines Ekel erregenden Cynismus gebührt.“[160]
Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels schildernd, hat J. B. Louvet de Couvray in seinem „Faublas“[161] den Typus des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen Liebesabenteuern spielt die der Wirklichkeit (des Chevalier d’Eon) entlehnte künstliche Effeminatio des Helden eine Rolle, die auch bei Sade am Schlusse der Juliette Verwendung findet, wo Noirceuil als Frau verkleidet einen Mann heiratet.
Neben dem Marquis de Sade ist der berühmteste erotische Schriftsteller der Revolutionszeit der ungemein produktive Restif (Rétif de la Bretonne). Paul Lacroix hat diesem merkwürdigen Manne ein Muster- und Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162], das jeder Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen wird. Wir werden später Rétif de la Bretonne als einen der ersten Schriftsteller über Sade zu würdigen haben. Hier interessiert er uns nur als ein gleichzeitig mit Sade wirkender Autor, von dem dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst geblieben ist. Es ist offenbar Rétif, den Sade an einer Stelle in seiner Abhandlung über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R... überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte Abenteuer in schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als eine grosse Weitschweifigkeit, für die ihm nur die — Pfefferhändler dankbar sein werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile Sades nicht etwas Konkurrenzneid im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass Rétif über Sade nicht besser dachte. Auch mochte sich wohl der hochgeborene Marquis weit erhaben dünken über dem aus niedrigstem Stande hervorgegangenen Rétif.
In der Tat hat Rétif de la Bretonne (1734 bis 1806), wenn er auch den Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption auch der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt gewissermassen die Schriften des Marquis de Sade nach dieser Richtung hin, mit dem er sonst viele Aehnlichkeit hat. Eulenburg macht darüber folgende interessante Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich näher als die trotz allem grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus steht jener ‚Rousseau du ruisseau‘“, Rétif de la Bretonne, über den Dessoir urteilt: „Er wurde von wütendster Sinnlichkeit gepeitscht und durch den Götzendienst des eigenen Ich in eine Art Exhibitionismus hineingetrieben. Daher hat er wie kein Zweiter verstanden, die Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der Geschlechtsliebe zu analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten Kultus zu widmen.“ Da haben wir im Keime den literarischen de Sade, nur schwächlicher, passiver, sozusagen unblutiger. Wäre Rétif eine mehr aktiv und impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten ihm, dem armen Bauernsohne, die Mittel und die Atmosphäre des „célèbre Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein zweiter de Sade aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen an Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen gewesen wäre. Nicht umsonst ertönt bei Rétif aus allen Tonarten das Lob dieser ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois délicieuse, quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch zur Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er ein leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er erzählt höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute, 6. Dezember 1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an Hemden. Ein alter blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war zerrissen und voll von Flecken. Dabei liebt Rétif die Reinlichkeit sehr bei den — Frauen. Er spricht immer wieder davon, giebt in seinem „Pornographe“ genaue Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert mit Befriedigung die grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser Prostituierten.[166]
Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete. So erzählt Graf Alexander von Tilly in seinen Memoiren[167], dass Rétif de la Bretonne zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner erotischen Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr wichtig ist ferner das Verhältnis Rétifs zu Mathieu François Pidanzat de Mairobert (1727–1779), dem berühmten Verfasser des „Espion anglais“ und dem Sammler der Materialien zu den „Mémoires secrets de Bachaumont.“ Dieser liess nicht nur einzelne Werke in der geheimen Druckerei Rétifs herstellen, sondern war selbst Mitarbeiter an dessen eigenen Schriften. So rührt von ihm die wertvolle Abhandlung über die 16 Klassen der Prostituierten und über die Zuhälter in Rétifs „Pornographe“ her. Auch für die „Contemporaines“, den „Hibou“, und die „Malédiction paternelle“ hat Pidanzat de Mairobert zahlreiche Notizen beigesteuert[168].
Das ohne Zweifel wertvollste Werk Rétifs sind die „Nuits de Paris“[169], eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des Sittenlebens der Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige Darstellung der moralischen Physiognomie von Paris“ am Ende des 18. Jahrhunderts, das wahre „Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt eine 20jährige Arbeit erfordert hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder, sagt Rétif, was ich in der Nacht gesehen hatte.“ Lacroix gibt eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes dieses „nächtlichen Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser Stelle nicht näher eingehen können.
In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794–1797. 16 Bde.) hat Rétif de la Bretonne die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als dies in ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und Rousseaus „Héloise“ geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte Band („Mon Calendrier“), in welchem Rétif Tag für Tag alle Frauen aufzeichnet, deren Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er zu — Müttern gemacht hat.[170]
In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten „Contemporaines“[171], eine Sammlung von Erzählungen, die auf wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen den Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu nennen. Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben.