Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf. Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin: solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man dich jetzt!

Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.

Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte sich zu ihm.

»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt … Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen, dies zu empfinden!«

Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.


Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.

»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? … Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an Sie?

»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart, müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene, hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen …

»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt, bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen. Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können, ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die Strafe.