»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige; sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie, doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß, ob ich einer solchen Liebe fähig bin!

»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden: ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir … ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht … Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt; die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz, mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben. Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und immer noch sich zur Tat zu rüsten!

»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies ist meine Beichte.

»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen, noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher, beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen.

»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben … Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick? … Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow das zweite Postskriptum hinzugefügt.)

»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger hervorgehen.

»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören.

Rudin.«

Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht, und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging, jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels, dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte dem Lichte den Rücken gekehrt …

Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend. Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß, war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen.