Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr Blick:

Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe

Das Schattenbild entschwundnen Glücks …

Für ihn hat alles Reiz verloren,

Erinnerung nur und Reue bohren

Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …

Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab.

Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna verwirrt, ja erschreckten sie sogar.

Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre.

»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?«