Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen vollkommen. So etwas schlug in sein Fach.


Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner Schwester zu Mittag. Darja Michailowna war immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal jedoch empfing sie diese Gäste mit ausnehmender Freundlichkeit. Natalia war unerträglich schwer zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig gegen sie, so schüchtern, wenn er das Wort an sie richtete, daß sie im Herzen nicht anders konnte, als ihm Dank dafür zu wissen.

Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, doch als man sich trennte, fühlte jeder sich wieder ins frühere Geleise gebracht; und das will viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das frühere Geleise gekommen … alle, ausgenommen Natalia. Als sie allein war, schleppte sie sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, wie gebrochen mit dem Gesicht auf das Kissen. Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es widerte sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham vor sich selbst, vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß sie gewiß in diesem Augenblicke zu sterben bereit gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen ihr bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle Aufregungen; sie war aber jung – das Leben hatte für sie eben erst begonnen, das Leben aber schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was für ein Schlag den Menschen treffen mag, es wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen Sie den trivialen Ausdruck – nach Essen verlangen, und da haben wir schon eine erste Tröstung …

Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum ersten Male … Doch die ersten Leiden, wie auch die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und Gott sei es gedankt!

XII

Zwei Jahre etwa waren verflossen. Es war in den ersten Tagen des Mai. Auf dem Balkon ihres Hauses saß Alexandra Pawlowna, jetzt nicht mehr Lipin, sondern Leschnew; ungefähr vor einem Jahre hatte sie Michael Michailitsch geheiratet. Sie war lieblich wie ehemals, nur in der letzten Zeit etwas stärker geworden. Vor dem Balkon, von welchem aus Stufen in den Garten führten, ging eine Amme umher mit einem rotbäckigen Kinde in weißem Mäntelchen und weißem Besatz auf dem Hütchen. Alexandra Pawlowna verwandte die Augen nicht von dem Kinde. Es schrie nicht, saugte mit wichtiger Miene an seinem Finger und schaute ruhig um sich herum. Es zeigte sich bereits als würdiger Sohn Michael Michailitschs.

Neben Alexandra Pawlowna saß auf dem Balkone unser alter Bekannter Pigassow. Er war seit wir ihn aus dem Gesicht verloren haben, merklich ergraut, gebeugt, magerer geworden und zischte beim Sprechen: ein Vorderzahn war ihm ausgefallen; das Zischen verlieh seiner Rede noch mehr Bissigkeit … Seine Gehässigkeit hatte sich mit den Jahren nicht vermindert, doch waren seine Witze stumpf geworden, und er verfiel häufiger in Wiederholungen. Michael Michailitsch war nicht zu Hause, man erwartete ihn zum Tee. Die Sonne war bereits untergegangen. Ein langer, blaß-goldener, zitronengelber Streif zog sich am Abendhimmel hin, während an dem entgegengesetzten Himmelsrande zwei solcher Streifen sichtbar waren: einer, der untere, blau, der andere, obere, rötlich-veilchenblau. In der Höhe verschwammen leichte Wölkchen. Alles versprach anhaltend gutes Wetter.

Plötzlich lachte Pigassow auf.

»Was macht Sie lachen, Afrikan Semenitsch?« fragte Alexandra Pawlowna.