»Was war es denn, was Ihnen Terlachow erzählte?« fragte Alexandra Pawlowna.

»Mancherlei: es fällt mir nicht alles ein. Die allerbeste Anekdote über Rudin aber ist folgende: Ohne Unterlaß mit seiner Selbstentwicklung beschäftigt (diese Herren sind es fortwährend, während andere, einfach gesagt, schlafen und essen – befinden sie sich im Momente der Entwicklung des Schlafens oder des Essens; ist es nicht so, Herr Bassistow? – Bassistow antwortete nichts) … Also mit seiner Entwicklung fortwährend beschäftigt, war Rudin auf dem Wege der Philosophie zu dem Vernunftschlusse gekommen, daß er sich verlieben müsse. Er stellte Nachforschungen über den Gegenstand an, der einem so wunderbaren Vernunftschlusse entspräche. Fortuna lächelte ihm. Er machte die Bekanntschaft einer Französin, einer allerliebsten Putzhändlerin. Das ereignete sich, merken Sie wohl, in einer deutschen Stadt am Rhein. Er besuchte sie, brachte ihr allerlei Bücher und sprach mit ihr über Natur und Hegel. Stellen Sie sich die Lage der Putzhändlerin vor! sie hielt ihn für einen Astronomen. Nun, Sie wissen, seine Figur ist nicht übel: dazu war er Ausländer, Russe – er gefiel. Endlich bestimmte er eine Zusammenkunft, ein höchst poetisches Stelldichein: in einer Gondel auf dem Flusse. Die Französin willigte ein; legte ihr bestes Kleid an und fuhr mit ihm in der Gondel spazieren. Auf diese Weise vergingen zwei Stunden. Womit glauben Sie nun, daß er sich diese ganze Zeit über beschäftigte? Er hat der Französin den Kopf gestreichelt, gedankenvoll den Himmel angeschaut und ihr mehrmals wiederholt, daß er ›väterliche‹ Zärtlichkeit für sie fühle. Die Französin kehrte wutentbrannt nach Hause zurück und hat nachher alles dem Terlachow erzählt. Solch ein Kerl ist er gewesen!«

Und Pigassow lachte laut auf.

»Sie sind ein alter Zyniker!« bemerkte Alexandra Pawlowna ärgerlich, »indessen gewinne ich immer mehr und mehr die Überzeugung, daß selbst diejenigen, die über Rudin herfallen, ihm nichts Schlechtes nachsagen können.«

»Nichts Schlechtes? Ich bitte Sie! Und sein beständiges Leben auf fremder Leute Kosten, seine Anleihen … Michael Michailitsch? Gewiß hat er auch von Ihnen geborgt?«

»Hören Sie, Afrikan Semenitsch!« begann Leschnew, und sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, »hören Sie: Sie wissen und meine Frau weiß es auch, daß ich in der letzten Zeit keine besondere Zuneigung zu Rudin gefühlt und oft sogar hart über ihn geurteilt habe. Bei allem dem (Leschnew goß Champagner in die Gläser) will ich Ihnen folgenden Vorschlag machen: wir haben soeben auf die Gesundheit unseres teueren Bruders und seiner Braut getrunken; ich fordere Sie jetzt auf, auf die Gesundheit Dmitri Rudins zu trinken!«

Alexandra Pawlowna und Pigassow sahen Leschnew mit Verwunderung an, während Bassistow das Herz im Leibe hüpfte und er vor Freude rot wurde und die Augen aufriß.

»Ich kenne ihn gut,« fuhr Leschnew fort, »von seinen Fehlern weiß ich nur zu viel. Sie fallen um so mehr in die Augen, weil er selbst kein Alltagsmensch ist.«

»Rudin – ist eine geniale Natur!« warf Bassistow ein.

»An Genialität fehlt es ihm nicht,« erwiderte Leschnew, »aber Natur – das ist eben das schlimme – Natur hat er nicht … Doch nicht davon, von dem Guten, Seltenen in ihm wollte ich sprechen. Er ist voll Begeisterung; das ist aber in unseren Tagen, sie können es mir, dem Phlegmatiker, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. Wir sind alle unausstehlich überlegt, gleichgültig und träge geworden; wir sind schläfrig, erkaltet und müssen es demjenigen Dank wissen, der uns, wenn auch nur auf einen Augenblick, aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die höchste Zeit! Erinnerst du dich, Sascha, ich sprach einmal mit dir von ihm und beschuldigte ihn der Kälte. Ich hatte damals recht und unrecht zugleich. Diese Kälte steckt bei ihm im Blute – daran ist er nicht schuld – nicht aber im Kopfe. Er ist kein Mime, wie ich ihn nannte, kein Betrüger, kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten nicht wie ein Schleicher, sondern wie ein Kind … Ja gewiß, er wird irgendwo in Elend und Armut sterben; sollte man aber deshalb einen Stein auf ihn werfen? Er selbst wird nie etwas vollenden, ausführen, weil ihm eben Natur und Blut fehlen; wer hat aber das Recht, zu behaupten, daß er keinen Nutzen bringen werde, nicht bereits Nutzen gebracht habe? Daß seine Worte nicht schon viel guten Samen in junge Herzen gestreut haben, denen die Natur nicht wie ihm Tatkraft und Verständnis zum Vollbringen des Gedachten versagt hat? Habe ich ja doch, ich vor allem, alles dieses an mir selbst erfahren … Sascha weiß, was Rudin in meinen jungen Jahren mir gewesen ist. Ich entsinne mich ferner, behauptet zu haben, daß Rudins Worte keine Wirkung auf die Menschen auszuüben vermöchten; ich redete aber damals von Menschen, die mir meinem jetzigen Alter nach gleichstanden, von Menschen, die das Leben bereits gekostet haben, und die vom Leben etwas zerzaust sind. Ein falscher Ton in der Rede – und sie verliert für uns jede Harmonie; beim Jüngling ist aber glücklicherweise das Gehör noch nicht so ausgebildet, noch nicht so verwöhnt. Wenn nur der Inhalt des Gehörten ihm schön dünkt, was kümmert ihn da der Ton! Den wird er schon in sich selbst finden.«