»Bravo! Bravo!« rief Bassistow, »wie wahr ist das gesprochen! Was jedoch Rudins Einfluß betrifft, da schwöre ich Ihnen, daß er nicht bloß einen Menschen aufzurütteln imstande war, sondern ihn auch weiterschob, ihm die Zeit nicht ließ, stehenzubleiben, ihn um und um kehrte, ihn entflammte, begeisterte!«

»Sie hören es!« fuhr Leschnew fort, sich an Pigassow wendend, »welchen Beweis brauchen Sie noch? Sie machen die Philosophie herunter; wenn Sie von ihr reden, finden Sie nicht genug verächtliche Ausdrücke. Ich bin ihr auch nicht besonders hold und begreife sie schlecht; doch nicht von der Philosophie rühren unsere Hauptverbrechen her! Philosophische Spitzfindigkeiten und Träumereien werden an dem Russen nie haften; dazu besitzt er zu viel gesunden Menschenverstand; man darf aber auch nicht die Philosophie als Vorwand benutzen, um jedes ehrliche Streben nach Wahrheit und Erkenntnis anzufechten. Es ist Rudins Unglück, daß er Rußland nicht kennt, und in der Tat ist das ein großes Unglück. Das Vaterland kann einen jeden von uns entbehren, aber keiner von uns das Vaterland. Wehe dem, der da meint, daß er’s könne; doppelt wehe über den, der es in der Tat entbehrt! Kosmopolitismus – ist ein Unding, der Kosmopolit – eine Null, ärger als eine Null; außerhalb der Nationalität gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, noch Leben, gibt es nichts. Ohne Physiognomie ist nicht einmal das ideale Gesicht; nur das gemeine braucht keine zu haben. Ich muß aber wieder darauf zurückkommen, Rudins Schuld ist es nicht: sein Verhängnis ist es, ein bitteres, schweres Verhängnis, das wir ihm doch gewiß nicht vorwerfen werden. Es würde uns zu weit führen, wollten wir untersuchen, warum Leute, wie Rudin, verkommen. Wir wollen ihm dagegen für das Gute, das in ihm ist, dankbar sein. Dies ist leichter als ungerecht gegen ihn zu sein, und wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Eine Strafe über ihn zu verhängen, steht uns nicht zu, es wäre auch unnütz: er hat sich selbst viel strenger bestraft, als er es verdiente … Und gebe Gott, daß das Unglück alles Schlechte aus ihm ausscheide und nur das Schöne in ihm zurücklasse! Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich trinke auf die Gesundheit des Kameraden meiner besten Jahre, ich trinke auf das Wohl der Jugend, ihrer Hoffnungen, ihres Strebens, ihres Vertrauens und ihrer Ehrlichkeit, auf das Wohl von allem, was unsere zwanzigjährigen Herzen schon klopfen machte und was im späteren Leben nichts Besseres aus unserem Gedächtnis verdrängen konnte, verdrängen wird … Ich trinke auf dein Andenken, goldene Zeit, ich trinke auf Rudins Wohl!«

Alle stießen mit Leschnew an. Bassistow hätte im Eifer beinahe sein Glas zerschlagen und stürzte dessen Inhalt in einem Zuge hinunter, Alexandra Pawlowna drückte Leschnew die Hand.

»Ich hatte gar nicht vermutet, Michael Michailitsch, daß Sie so beredt wären,« bemerkte Pigassow, »das war eines Rudin würdig! Ich muß gestehen, das hat sogar mich gepackt.«

»Ich bin durchaus nicht beredt,« erwiderte Leschnew nicht ohne Unwillen, »Sie aber zu packen, glaub ich, ist keine leichte Sache. Doch genug von Rudin; sprechen wir von etwas anderem …«

»Sagen Sie doch … jener, wie heißt er gleich? … Pandalewski! lebt der immer noch bei Darja Michailowna?« fragte er, sich an Bassistow wendend.

»Gewiß, er ist immer noch bei ihr! Sie hat ihm eine einträgliche Stelle ausgewirkt.«

Leschnew lächelte.

»Der wird nicht im Elend umkommen, dafür ließe sich bürgen.«

Das Abendessen war beendet. Die Gäste gingen auseinander. Als Alexandra Pawlowna mit ihrem Manne allein geblieben war, blickte sie ihm zärtlich ins Gesicht.