An demselben Tage, als das soeben Erzählte im Hause Alexandra Pawlownas vorging – schleppte sich in einem der entlegensten Gouvernements Rußlands, in der drückendsten Hitze, auf der Landstraße eine schlechte, mit Matten bezogene Kibitka, vor welche drei Gutspferde gespannt waren, mühsam dahin. Auf dem Vorderrande hielt sich, die Füße schräg auf das Strängeholz gestemmt, ein grauhaariger Bauer in durchlöchertem Wams, zog unaufhörlich an den Strickleinen und schwenkte dazu eine kleine Peitsche; im Innern der Kibitka saß auf einem kärglich gefüllten Mantelsack ein Mann von hohem Wuchse in Mütze und altem, staubigem Mantel. Es war Rudin. Er saß gesenkten Hauptes da und hatte den Schirm seiner Mütze über die Augen heruntergezogen. Ungleichmäßige Stöße des Fuhrwerks warfen ihn von einer Seite auf die andere, er schien nichts zu empfinden, als wäre er in Halbschlaf verfallen. Endlich richtete er sich auf.

»Wann werden wir denn endlich zur Station kommen?« fragte er den vorn sitzenden Bauer.

»Wart, Väterchen,« gab dieser zur Antwort und zog noch eifriger an den Leinen, »sind wir erst den Hügel da hinaufgekommen, dann bleiben nur noch zwei Werst, nicht mehr … Na, du! schläfst du … Ich will dich lehren,« setzte er fistelnd hinzu und begann das rechte Seitenpferd mit der Peitsche anzutreiben.

»Du fährst aber sehr schlecht, wie mir scheint,« bemerkte Rudin, »wir schleppen uns schon seit dem Morgen und können nicht ankommen. Singe mir wenigstens etwas vor.«

»Was soll man machen, Väterchen! Die Pferde, Sie sehen ja selbst, sind ganz verhungert … und dazu noch die Hitze. Was nun das Singen betrifft … das versteht unsereiner nicht: wir sind keine Fuhrleute … Heda, he!« rief auf einmal der Bauer einem vorübergehenden Wanderer in braunem, schlechtem Kittel und abgetretenen Bastschuhen zu, »heda, mache uns Platz, Freundchen!«

»Seht mir den Kutscher,« brummte der Wanderer ihm nach und blieb stehen. »Moskauer Blut!« setzte er mit dem Tone des Vorwurfes hinzu, schüttelte den Kopf und ging des Weges langsam weiter.

»Wohin!« schrie der Bauer jetzt dem Mittelpferde zu und zog wieder ruckweise an den Leinen; »ach du verdammtes! – ver–damm–tes! …«

So gut es ging, erreichten die ermüdeten Pferde endlich den Posthof. Rudin stieg aus der Kibitka, bezahlte den Bauer, der ihm nicht dafür dankte und das Geld lange in der hohlen Hand herumwarf – er hatte vermutlich ein größeres Trinkgeld erwartet –, und trug seinen Mantelsack selbst in das Postzimmer.

Einer meiner Bekannten, der in seinem Leben viel in Rußland umhergereist war, hat die Beobachtung gemacht, daß, wenn in einem Stationszimmer Bilder hängen, welche Szenen aus Puschkins »Gefangenen im Kaukasus« oder russische Generale vorstellen, man bald Pferde bekommen kann; wenn dagegen die Bilder das Leben des berüchtigten Spielers Georges de Germany darstellen, der Reisende auf baldige Beförderung nicht rechnen darf: er wird Zeit genug haben, sich sattzusehen an dem emporgestrichenen Hahnenkamm, der weißen Weste mit breiten Aufschlägen und den außerordentlich engen und kurzen Beinkleidern des Spielers in seiner Jugend und an seiner rasenden Physiognomie, als er, schon ergraut, mit hoch aufgehobenem Stuhle, in einer Hütte mit schrägem Dache, seinen Sohn erschlägt. In dem Zimmer, in welches Rudin trat, hingen gerade diese Bilder aus den »Dreißig Jahren aus dem Leben eines Spielers«. Auf seinen Ruf erschien der Stationshalter mit verschlafenem Gesichte (ich möchte wissen – ob wohl jemand einen Stationshalter mit einem nicht verschlafenen Gesichte gesehen hat?) und ohne Rudins Frage abzuwarten, erklärte er mit träger Stimme, es seien keine Pferde da.

»Wie können Sie sagen, es seien keine Pferde da,« erwiderte Rudin, »wenn Sie nicht einmal wissen, wohin ich fahre? Ich bin mit Privatpferden hierhergekommen.«