»Das fehlte noch!«
»Auf allen Punkten war ich mehr oder weniger durchgefallen … warum sollte ich nicht Pädagog werden, oder um es einfach zu sagen, Lehrer? … besser doch, als nichts zu tun …«
Rudin hielt inne und schöpfte Atem.
»Besser, als ein unnützes Leben führen, wird es doch sein, wenn ich mich bestrebe, anderen das mitzuteilen, was ich weiß: vielleicht werden sie aus meinen Kenntnissen einigen Nutzen für sich schöpfen. Meine Talente sind doch am Ende keine alltäglichen; die Gabe der Rede habe ich auch … Ich beschloß also, mich diesem neuen Fache zu widmen. Mühe genug kostete es mir, eine Anstellung zu finden; Privatunterricht wollte ich nicht erteilen; an Elementarschulen war mein Platz nicht. Endlich gelang es mir, die Stelle eines Lehrers am hiesigen Gymnasium zu erhalten.«
»Eines Lehrers – für welches Fach?« fragte Leschnew.
»Eines Lehrers der russischen Literatur. Ich kann dir sagen, noch keine Sache habe ich mit solchem Eifer angegriffen wie diese. Der Gedanke, auf die Jugend zu wirken, begeisterte mich. Drei Wochen war ich mit der Abfassung meiner Antrittsvorlesung beschäftigt.«
»Hast du sie hier?« unterbrach ihn Leschnew.
»Nein, sie ist mir irgendwo verlorengegangen. Sie kam nicht schlecht heraus und fand Beifall. Noch jetzt sehe ich die Gesichter meiner Zuhörer vor mir, – diese guten, jungen Gesichter mit dem Ausdrucke der treuherzigsten Aufmerksamkeit, Teilnahme, ja selbst des Erstaunens. Ich bestieg das Katheder und hielt meinen Vortrag wie im Fieber; ich hatte geglaubt, ich würde daran reichlich für eine Stunde haben, und in zwanzig Minuten war ich fertig. Der Inspektor war auch zugegen – ein trockener Alter mit silbergefaßter Brille und kurzer Perücke, – von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf nach meiner Seite hin. Als ich zu Ende war und von meinem Sessel sprang, sagte er zu mir: ›Gut, doch etwas zu hoch und unbestimmt, und von dem Hauptgegenstande ist zu wenig gesagt worden.‹ Die Gymnasiasten jedoch geleiteten mich mit Blicken der Achtung … wahrhaftig. Das eben gibt einen solchen Wert der Jugend. Die zweite Vorlesung und auch die dritte hatte ich aufgeschrieben … dann aber improvisierte ich.«
»Und hast Erfolg gehabt?« fragte Leschnew.
»Ich hatte großen Erfolg. Die Zuhörer fanden sich in Massen ein. Ich teilte ihnen alles mit, was mir auf der Seele lag. Unter denselben waren drei, vier in der Tat ausgezeichnete Knaben; die übrigen verstanden mich nur halb. Ich muß indessen gestehen, daß auch diejenigen, welche mich verstanden, mich bisweilen durch ihre Fragen verwirrt machten. Ich verlor den Mut aber nicht. Liebten mich ja doch alle: bei den Repetitionen gab ich allen gute Zensuren. Da aber entspann sich gegen mich eine Intrige … oder nein! Eine Intrige war es nicht; ich war, einfach gesagt, nicht in meine Sphäre geraten. Ich war den anderen unbequem und die anderen waren es mir. Ich hielt Gymnasiasten Vorlesungen, wie man sie Studenten nicht immer hält, und meinen Zuhörern waren diese Vorlesungen doch nicht so sehr förderlich … ich beherrschte die Tatsachen selbst … nicht recht. Zudem genügte mir der Wirkungskreis nicht, der mir vorgezeichnet war … Du weißt ja, das war immer meine schwache Seite. Ich wollte radikale Reformen und schwöre dir, diese Reformen waren gut und ausführbar. Ich hoffte, sie mit Hilfe des Direktors, eines braven und ehrlichen Mannes, auf welchen ich anfangs Einfluß gehabt hatte, durchzusetzen. Seine Frau stand mir bei. Ich habe, Bruder, in meinem Leben nicht viele solcher Frauen getroffen. Sie war bereits nahe den Vierzigern, glaubte aber noch an das Gute, liebte alles Schöne wie ein fünfzehnjähriges Mädchen und scheute sich nicht, ihre Überzeugung, vor wem es auch sein mochte, offen auszusprechen. Ich werde niemals ihre edle Begeisterung, ihre Lauterkeit vergessen. Ihrem Rate folgend, hatte ich schon einen Plan entworfen, doch da wurden geheime Umtriebe gegen mich eingeleitet und ich ward bei ihr angeschwärzt. Besonders schadete mir ein Lehrer der Mathematik, ein unansehnlicher, bissiger und gallsüchtiger Mensch, der an nichts glaubte, in der Art wie Pigassow, aber bei weitem tüchtiger als er … ja, sage doch, lebt Pigassow noch?«