»Er lebt und stelle dir’s vor, er hat eine Dienstmagd geheiratet, die, wie man sagt, ihn prügeln soll.«
»Das geschieht ihm recht! Und Natalia Alexejewna, geht es ihr gut?«
»Ja.«
»Ist sie glücklich?«
»Ja.«
Rudin schwieg.
»Wovon sprach ich aber soeben … ganz recht, vom Lehrer der Mathematik. Er hatte einen Haß auf mich geworfen, meine Vorlesungen verglich er mit einem Feuerwerk, haschte im Fluge jeden, nicht ganz deutlichen Ausdruck auf und führte mich einmal sogar in bezug auf ein Opus aus dem sechzehnten Jahrhundert irre … Die Hauptsache aber war, er hatte meine Absichten verdächtigt; meine letzte Seifenblase stieß an ihn wie an eine Nadel und zerplatzte. Der Inspektor, zu dem ich mich gleich anfangs nicht gut gestellt hatte, reizte den Direktor gegen mich auf; und es kam zu einer Szene, ich wollte nicht nachgeben, wurde heftig, die Geschichte kam den Oberen zu Ohren, und ich ward gezwungen, meine Entlassung zu nehmen. Ich blieb nicht dabei stehen, ich wollte zeigen, daß ich mit mir nicht so umspringen lasse … aber leider mußte ich einsehen, daß man mit mir nach Belieben verfahren durfte … Jetzt muß ich die Stadt verlassen.«
Es trat Schweigen ein. Beide Freunde saßen da mit gesenktem Kopfe.
Rudin nahm zuerst wieder das Wort.
»Ja, Bruder,« begann er, »ich kann jetzt mit Koltzow[7] ausrufen: ›Wie hast du, meine Jugend, mir mitgespielt, mich umhergeworfen, ich weiß nicht mehr, wo ein noch aus‹ … Und war ich denn wirklich zu nichts gut, gab es denn wirklich gar nichts für mich zu tun auf der Welt? Ich habe diese Frage oft an mich gerichtet und welche Mühe ich mir auch gab, mich in meinen eigenen Augen herabzusetzen, so war mir’s dennoch unmöglich, in mir das Vorhandensein von Kräften nicht zu fühlen, mit denen nicht jedermann begabt ist! Weshalb bleiben denn diese Kräfte unfruchtbar? Und dann noch eins: erinnerst du dich, als wir zusammen im Auslande waren, war ich in Selbstvertrauen und Selbsttäuschung befangen … Es ist wahr, ich war damals nicht deutlich dessen bewußt, wonach mich verlangte, ich labte mich bis zur Übersättigung am Wortgepränge und schenkte Trugbildern Glauben; jetzt aber, ich schwöre dir’s, darf ich laut, vor allen, gestehen, was ich will. Ich habe nichts zu verhehlen: ich bin im wahren Sinne des Wortes ein wohlgesinnter Mensch; ich werde demütig, will mich in die Verhältnisse schicken, verlange wenig, strebe nach keinem entfernten Ziele, möchte, wenn auch nur geringen, Nutzen schaffen. Aber – es will mir nicht gelingen! Was bedeutet das? Was hindert mich, zu leben und zu wirken, wie andere es tun? Ich trachte ja jetzt nach nichts Höherem. Und doch! Kaum gelingt es mir, eine bestimmte Stellung einzunehmen, auf einem gewissen Punkte Posto zu fassen, so stößt mich das Geschick unerbittlich fort. Ich fange an, Furcht zu bekommen vor meinem Geschicke. Woher das alles? Erkläre mir dies Rätsel!«