»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich mürrisch zurück.
Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute, daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem Wohle aller zum Opfer bringe …
»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung, ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu verschaffen, sich frei auszusprechen.«
»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow an Bassistow.
Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte.
»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor.
»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im Whist gleich.«
»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte Pigassow den Rücken.
Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem Gesichte zeigte sich Verwirrung.
Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.