»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna.

»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in Berlin.«

»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man, eine eigentümliche Kleidung tragen.«

»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie jedermann.«

»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra Pawlowna.

Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht, Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz.

Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen, und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte. Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen, ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor …

Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie … der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht.

»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹ … In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …«

Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln der Verwirrung.