»Vous êtes un poète,« sagte halblaut Darja Michailowna.
Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen. Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«
Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit nicht bemerkt.
Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch schwermütiger geworden.
Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt, aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige schwere Seufzer hoben ihren Busen.
IV
Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand, und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid à la madame Récamier angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf, ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war. Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten, hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung, wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze, immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna.
Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder, den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.