»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt, geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener Mißverständnisse …«
»Haben Sie sich entzweit?«
»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer getrennt.«
»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein Sekretär, Sie haben ihn gesehen – Constantin, c’est lui qui est mon secrétaire – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, cher Dmitri Nikolaitsch. Wie bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft verschafft hat!«
Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst, führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf die Terrasse, wo er Natalia traf.
V
Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt. Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit, fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft … Qu’avez vous? pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern. Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich, wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes, vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: mon honnête homme de fille, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten. »Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter.
Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr.
»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen Kopf für dich.«
Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte ich nicht meinen Kopf für mich haben?